©opyright: Dirk Rühmann, 38126 Braunschweig, Costiverlag
mehr als 80 Kriminalromane aus der Region Braunschweig sowie Informationen über die Stadt und Umgebung auf  www.bs-krimi.de


Namen, Personen und Handlung dieser Kriminalgeschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen wäre zufällig und unbeabsichtigt.

Einfach die Schuhe über Bord werfen

 

Kommissarin Bube wollte gerade ihre Jacke vom Bügel nehmen und sich zur Mittagspause verabschieden, als Kommissar Kreutz zur Tür hereinkam und sie mit dem Hinweis auf einen Mord daran hinderte.

"Hat der Tote nicht noch 'ne halbe Stunde Zeit? Ist doch eh tot! Und ich hab' Hunger."

"Mach keine Witze. Ist übrigens 'ne Tote. Geh' doch eben noch amerikanisch essen."

"Jawoll. Hast recht. Das hat man wenigstens schnell hinter sich."

"Es sei denn, die Boulette im Milchbrötchen bekommt dir nicht, und du wirst zum Wiederkäuer."

"Norman! Du kannst einem aber auch vollends den Appetit verderben."

"War ja auch meine Absicht. Du sollst mitkommen, weil wir dich brauchen."

"Ich komm' ja schon."

Während der Fahrt zum Fundort der Leiche berichtete Norman Kreutz über die ihm auch erst bekanntgewordenen Einzelheiten:

"Starker Verwesungsgeruch im Mietshaus. Daraufhin hat der Hausmeister die Frauenleiche in der Wohnung eines Mannes gefunden, der aber nur selten dort wohnt."

"Eine Absteige?" fragte die Bube.

"Nicht auszuschließen. Jedenfalls ist die Frau schon mehrere Tage tot."

Als die beiden Kriminalkommissare am Fundort eintrafen, stießen sie auf viele aufgeregte Menschen unterschiedlichsten Alters, wahrscheinlich alles Mitbewohner im Haus, in dem die Tote lag.

Die Kommissare wurden von einem Streifenpolizisten zum Hausmeister geführt, der die Tote entdeckt hatte. Der Hausmeister mit Namen Heller war inzwischen wieder in seine im Erdgeschoß gelegene Wohnung zurückgekehrt, die er mit seiner Mutter bewohnte. Kreutz und Bube stellten sich vor. Dann sagte die Bube leise zu Norman Kruetz:

"Ich geh' noch schnell zu dem Bäcker gegenüber und hol' mir was zu essen. Soll ich dir etwas mitbringen?"

Daraufhin warf der Hausmeister sofort ein: "Entschuldigung, aber der Bäcker gegenüber hat Urlaub. Seit einer Woche ist da zu."

Der Bube entgleisten die Gesichtszüge beim Knurren ihres Magens.

"Ich kann Ihnen gerne ein Brot schmieren", bot sich der freundliche Hausmeister an. "Aber essen Sie's vorher, bevor Sie die Leiche ... Mir hat's nämlich auch den Appetit verdorben."

"Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit. Aber ich werde es schon noch aushalten. Wir sind schließlich zum Arbeiten hierher gekommen."

Daraufhin begaben sich die beiden ins dritte Stockwerk in die Wohnung, in der die bereits stark verweste Frauenleiche lag. Außer einigen Sicherheitskräften war auch der Gerichtsmediziner zugegen.

"Tod durch Sterben?" fragte ihn die Bube.

"Ja. Und Sterben durch Gewaltanwendung. Schädelfraktur."

"Tatzeit?"

"Schwer zu sagen. Kann vier bis sieben Tage zurückliegen. Die Pathologie wird wohl mehr sagen können."

"Vielen Dank. Norman, für mich gibt's an der Leiche sowieso nicht viel zu sehen. Mach du das. Arbeitsteilung. Du verstehst? Ich vernehme Hausbewohner auf dem Flur."

"Ja, ja, Fräulein Drückeberger. Dafür sind wir Männer dann wieder gut genug."

"Ich übernehme die verweste Männerleiche. Würde mich mal interessieren, was an euch so fünf Tage nach dem Tod noch dran ist - oder auch nicht mehr dran ist."

"Bube, laß doch die Witze!"

"Wie willst du denn diesen Scheißjob ohne Galgenhumor überhaupt aushalten?"

Dann verließ die Bube die Wohnung und stand plötzlich vor einer Menschentraube von Mitbewohnern des Mietshauses.

"Es gibt hier nichts zu sehen. Wenn jemand eine Aussage machen möchte, möge er oder sie bitte nach unten mitkommen."

Die Bube schob sich durch die Menschenmenge hindurch und ging ins Erdgeschoß. Danach löste sich die Versammlung Neugieriger auf. Ein älterer Herr folgte der Bube und rief ihr im Gehen hinterher: "Das war ein Puff da oben."

Die Kommissarin blieb stehen und drehte sich zu dem alten Mann um.

"Woher wissen Sie das?"

"Du junges Ding glaubst wohl, ich hätte keine Ahnung von sowas! Wenn ich mein Hörgerät einschalte, höre ich alles. Wenn im Fernsehen Werbung kommt, drehe ich immer leise, um zu hören, was über mir für ein Programm läuft. Eujeujeu eu eu. Kann ich dir sagen. Da knallt's, daß bei mir die Deckenlampe wackelt. Als ich jung war, habe ich bei sowas kräftig mitgemischt, aber jetzt höre ich ja nicht mehr so gut."

"Ah ja, das wird's sein. Hat's denn da oben immer geknallt?"

"Nicht immer!"

"Aber immer öfter?"

"Ja, ja, ja! Manchmal war aber auch das Fernsehen interessanter."

"Abwechslungsreicher!"

"Ich habe den Kerl mal in einer Unterhose über den Flur laufen sehen ... Junge, hatte der was in der Hose!"

"Können Sie denn sonst noch etwas über sein Aussehen sagen?"

"Nein. Mir zuliebe hat er die Hose ja nicht runtergelassen."

"Ich meine über den Mann!"

"Sauber. Sehr sauber."

"Die Hose?"

"Die auch."

"Können Sie mir etwas über das Aussehen des Mannes sagen?"

"Meinst du wegen seiner Nase? Das Sprichwort kommt nicht von ungefähr!"

"Also er hat nicht nur ..., sondern auch eine gewaltige Nase."

Dann durchbrach tumultartiges Geschrei die Unterredung, das aus dem oberen Stockwerk herunterschallte. Die Bube lief rasch die Treppe hinauf und wurde Zeugin eines verbalen Streites zwischen einer älteren Hausbewohnerin und einem jungen, vorbeigehenden Mann.

"Was ist hier los?" fragte die Bube.

"Diese jungen Leute machen nie ihre Woche", entgegnete die Alte. Daraufhin erwiderte der junge Mann: "Die Kieler Woche ist doch auch nur einmal im Jahr. Kann ich was dafür, wenn die Hauswoche alle vierzehn Tage ist?"

"Unverschämtes Gesockse. Von morgens bis abends demonstrieren und zu Hause im eigenen Dreck ersticken."

"Halt's Maul, Alte!" Zur Bube gewandt sagte er: "Seit die ihre Tage nicht mehr hat, hat die nur noch ihre Woche. Da mußt du dich dran gewöhnen, wenn du in diesem Haus wohnen willst." Er ging weiter.

Nun ertönte von unten wieder die Stimme des Alten: "Der Bäcker hat zu. Habe ich gestern festgestellt. Aber sonst geht ihr jungen Leute ja auch kein frisches Brot kaufen, sondern immer das Eingewickelte aus dem Supermarkt. Alles Künstliche kaufen, und wenn ihr dann Würmer am Arsch habt, wählt ihr die Grünen."

Völlig entnervt ging die Bube wieder rauf in die Tatwohnung. Da hörte sie die Alte über ein Stockwerk durchs Treppengeländer hinweg mit dem Alten reden:

"Der Bäcker hat zu?"

"Ja. Verreist. Der hätte ja mal was sagen können."

Bevor die Bube die Wohnung betreten konnte, sprach sie die unmittelbare Nachbarin an. "Erst dachte ich, der Gestank kommt von der Alten da unten. Die hat nämlich keine Dusche in der Wohnung. Aber dann ..."

Die Bube ging weiter und schlug der Frau die Tür vor der Nase zu. Zu Norman Kreutz sagte sie: "Leichen haben den Vorteil, daß sie nicht mehr reden können. Geh du bitte raus!"

Eine Stunde später kamen Sargträger mit einer Zinkwanne, um die Leiche abzuholen. Als wenige Minuten darauf der Sarg durch das Treppenhaus getragen wurde, standen die Hausbewohner Spalier und gaben ihre Kommentare ab.

"Die war doch so geil, daß sie nicht mal mehr Zeit zum Hinlegen hatte. Das hat sie jetzt davon", sagte der alte Mann von unten.

"Katholischer Zickenbock!" rief der junge Mann, der inzwischen vom Einkaufen zurückgekommen war.

"Sie werden es auch noch begreifen, junger Mann!" schrie von oben die Alte.

Es war eine widerlich, anmutende Szene. Eigentlich fehlten nur noch Steine, die von den Mitbewohnern auf den Sarg geworfen worden wären. Ganz massiv wurde hier das wahre Gesicht der Menschen offenbart, die der Zufall unter einem Dach zusammengebracht hatte, unter dem sie gemeinsam miteinander leben mußten, aber nicht recht konnten. Nicht einmal der Tod war ihnen heilig. Im Gegenteil. Sie ließen ihren Zorn und ihren Spott an einer Toten aus, von der sie nichts wußten.

Die anschließenden Vernehmungen aller einzelnen Hausbewohner würden gleichsam nur der Anlaß sein, vor den Hütern des Gesetzes dem eigenen Unmut Luft machen zu können und sich abfällig und herablassend über die Mitbewohner oder eben die Ermordete auslassen zu können. Die Aufgabe der Polizei bestand dann darin, sich aus dem Wust überflüssiger Randbemerkungen jene rot anzustreichen, die sie in ihren Ermittlungen voranbringen würden.

Für die Hausbewohner war der Fall praktisch mit dem Abholen der Leiche beendet. Die Tatsache, daß der Bäcker einfach geschlossen hatte, ohne es ihnen mitzuteilen, und daß es noch keiner bis dato bemerkt hatte, stellte für sie eine größere Ungeheuerlickeit dar, als daß mitten unter ihnen ein grausames Verbrechen geschehen war.

Zuletzt vernahm Kommissar Kreutz am frühen Abend den Hausmeister Heller, der ihnen die Adresse des Mieters der Tatwohnung gab, die allerdings falsch war, wie sich später herausstellen sollte.

Die fast erblindete, alte Mutter des Hausmeisters rief aus dem Nebenzimmer vor einem laufendem Fersehgerät heraus: "Ich kenne den Mann vom Fernsehen. Seine Stimme. Ist der nicht Bundeskanzler von Nordrhein-Württemberg?"

Daraufhin schloß Heller die Tür zu seiner Mutter und sagte nur: "Ja, Mama!"

Abends gingen Kreutz und Bube dann gemeinsam amerikanisch essen. Sie brauchten eben nur etwas für ihren Magen, und es sollte schnell gehen.

Am nächsten Morgen betrat Norman Kreutz die Tatwohnung und besah sie sich noch einmal in Ruhe. Der Mord war hier geschehen. Die Wohnung war als Absteige angemietet worden. Der Name des Mieters war falsch, seine Adresse stimmte nicht. Die Aussagen der Mitbewohner über ihn gingen ziemlich weit auseinander. Nach der Bluttat würde er kaum hier wieder auftauchen.

Plötzlich klingelte das Telefon. Kreutz nahm den Hörer ab und sagte: "Hallo."

"Hallo. Endlich nimmst du mal wieder den Hörer ab. Ich hab' dich schon oft versucht zu kriegen."

"Bitte legen Sie nicht auf, hören Sie nur zu, bitte. In dieser Wohnung ist ein Mord geschehen. Ich bin von der Polizei und auf jeden Hinweis angewiesen. Alles wird diskret und vertraulich behandelt. Ich nenne Ihnen jetzt eine Nummer. Schreiben Sie sie sich auf. Überlegen Sie und rufen Sie mich an. Fragen Sie nach Norman Kreutz, wenn ich nicht da sein sollte. Bitte rufen Sie mich an. Jetzt lege ich auf."

Kreutz unterbrach das Gespräch. Als er die Gabel losließ, hörte er, daß die Teilnehmerin noch nicht aufgelegt hatte. Er hörte sie atmen.

"Hallo!" sagte Kreutz.

"Kommen Sie um zehn Uhr ins Café Blanche. Ich bin die Bedienung."

Kreutz hatte noch eineinhalb Stunden Zeit. Er untersuchte die Wohnung noch eine Weile, dann fuhr er ins Blanche, um dort die Anruferin zu treffen. Kreutz war zunächst der einzige Gast. Er setzte sich an die Theke, bestellte einen Milchkaffee und hatte Gelegenheit, mit der hübschen, jungen Frau zu sprechen.

"Was für ein Mord?" fragte die Frau.

"Eine junge Frau ist in der Wohnung erschlagen worden. Sie lag schon einige Tage tot dort."

"Wer hat die Frau umgebracht?"

"Das wüßten wir gern. Wer ist der Mann, den Sie anrufen wollten?"

"Ein Freund."

"Erzählen Sie mir von ihm. Kann er der Mörder sein?"

"Nein. - Ich denke, nein. Aber ich weiß es nicht."

"Wer ist er?"

"Er ist das, wovon Frauen träumen. Jung ist er nicht mehr. Aber er ist junggeblieben. Er lebt Jugend, er ist Jugend. Alles was er tut, macht er mit Leidenschaft."

"Wie haben Sie ihn kennengelernt?"

"Über eine Annonce. Er hat inseriert, und ich habe geantwortet."

"Was hat er inseriert?"

"Einfach die Schuhe über Bord werfen und den Alltag vergessen! Ein paar Zeilen nur standen da auf dem Papier. Ein paar Zeilen, die ein bißchen Glück versprachen. Inserate lesen ist spannend. In ihnen offenbaren sich die Paradiesvorstellungen der Menschen. Auf Inserate antworten, bedeutet Nervenkitzel. Es ist, als ob du jemand schreibst, den du kennst, weil du dir durch sein Inserat ein Bild von ihm machst. Aber du kennst ihn doch wieder nicht. Wenn du ihn kennenlernst, kannst du ihn bei seinem geschriebenen und veröffentlichten Wort nehmen. Es macht Spaß, auf diese Weise Menschen kennenzulernen und so dem Alltag zu entfliehen."

"Haben Sie es nötig, auf Inserate zu antworten?"

"Bei Inseraten kann ich mir die Männer aussuchen, ohne daß sie mir gleich auf dem Po rumklopfen. Außerdem haben alle Inserierenden und Inserate Lesenden eines gemeinsam: Sie sind auf der Suche nach einem kleinen bißchen persönlichen Lebensglück. Derartige Inserate sind ein Markt der Möglichkeiten."

"Haben Sie einen festen Freund?"

"Ja. Ich will ihn auch behalten, weil ich nicht alleine sein kann. Aber ich brauche den Nervenkitzel des Neuen, des Unbekannten, das da in den Zeitungen lockt. Er war für mich der Absolute. Er war etwas von Mann, wie man es als Frau selten findet. Im Laufe der Jahre begnügt man sich damit, so einen Mann nicht dauerhaft haben zu wollen. Es genügt einem zu wissen, daß es ihn gibt, daß man ihn anrufen kann, und irgendwann zu ihm kann."

"Sie sind nicht glücklich!"

"Wer ist das schon? Glücklich sein heißt für mich, daran zu denken, daß man irgendwann wieder auf einem Ast sitzen wird, wenn man gerade dabei ist, sich von einem Ast zum anderen zu hangeln. Auf dem Ast sitzen heißt, ein Gefühl, ein unheimlich starkes Gefühl einfach ausleben zu können. `Einfach`, das war das Zauberwort. Was geht im Leben noch einfach? Für alles gibt es Paragraphen, Regeln, Bestimmungen. Man muß immer erst fragen. Er fragte nicht. Einfach die Schuhe über Bord werfen ... Einfach! Einfach so. Nur wer einfach so mal etwas völlig ungezwungen tun kann, wird Gegenwart erleben. Gegenwart ist zeitlos. Das ist Glück."

"Mit ihm haben Sie es erlebt."

"Halten Sie mich nicht für verrückt oder pervers. Sind Sie schon einmal mit einer Frau losgegangen, die leicht frivoles Ausgehen liebt? Nervenkitzel. Einfach so - und dem entsetzten Spießbürgertum einfach die Stirn bieten. Das tat er. Mit ihm kann man die prüde Gesellschaft verlachen, ein befreiender Humor. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?"

"Sehr gut sogar."

"Den ganzen Alltagsballast mit dem vielen Ärger, den man mit sich herumschleppt, dazu eine hundertprozentig fest eingefahrene Partnerschaft, da sucht sich der Mensch eben ab und zu mal ein Abenteuer, um alles hinter sich zu lassen, eben einfach so über Bord zu werfen ..."

"Sie wußten, daß er auch andere Frauen hatte?"

"Das übte einen gewissen Reiz aus. Trotz der vielen anderen Frauen immer noch zu ihm kommen zu dürfen bestärkt das Selbstwertgefühl."

"Sie durften noch zu ihm kommen?"

"Selbstverständlich."

"Vielleicht gibt es eine Frau, die es nicht mehr durfte, und die deshalb aus Eifersucht jene Frau erschlagen hat!"

"Das herauszufinden ist Ihre Sache."

"Beschreiben Sie den Mann bitte genau."

"Groß, schlank, Ende vierzig, braungebrannt, modisch, aber lockere Kleidung, aufgelockerte, dunkle Haare, stechend blaue Augen, von Beruf Vertreter, markante Stimme und die innere Einstellung eines 68er Revoluzzers."

"Name?"

"Jimmy Hensinger."

"Vielen Dank. Sie haben mir sehr geholfen. Würden Sie sich bitte weiterhin zur Verfügung der Polizei halten?"

"Na, klar! Tschüss!"

Als Kreutz schon im Rausgehen begriffen war, drehte er sich noch einmal um und fragte: "Seine Stimme - eh - klingt sie, wie die Stimme irgend eines Landespolitikers?"

"Wie bitte? Quatsch!"

Wortlos ging der Kommissar aus dem Café hinaus. Er wußte selbst nicht, warum er diese Frage gestellt hatte.

Nachmittags war auch die Bube wieder im Büro, so daß Kreutz ihr alles erzählen konnte, was er bislang in seinen Ermittlungen herausgefunden hatte.

"Und ich war gerade in der Gerichtsmedizin. Tot seit sechs bis sieben Tagen. Alter etwa dreißig Jahre, Todesursache: Schlag mit einem spitzen Gegenstand auf den Hinterkopf."

"Wer sollte das tun und warum? Er selber, eine eifersüchtige Nebenbuhlerin? Wo ist das Motiv für die Tat?"

"Vielleicht die Ehefrau des Mannes. Der ist doch sicher verheiratet, oder?"

"Ich muß mehr über ihn herausbekommen."

"Aber wie?"

Am nächsten Tag klingelte im Büro von Kreutz das Telefon. Die Bedienung aus dem Blanche war am Apparat.

"Sie hatten mir doch Ihre Nummer genannt. Mir ist gestern abend noch etwas Seltsames aufgefallen. Sie fragten mich nach der Ähnlichkeit seiner Stimme mit der irgend eines Politikers. Wenn Sie das nicht gefragt hätten, wäre mir das sicherlich nicht aufgefallen. Aber im Radio lief gestern eine Sendung, in der ein Politiker sich zur Abtreibung geäußert hat, der hatte eine Stimme, die wie Hensingers Stimme klang."

Kreutz spielte mit dem Kugelschreiber. Er telefonierte überall herum, um unter den möglichen Sendern den Beitrag zu finden. Als er ihn hatte, bat er, der Polizei eine Kopie des Beitrags mit Orginalton zuzusenden. Er wußte jetzt auch, daß es sich um einen baden-württembergischen Minister der CDU mit Namen Dr. Rudolf Monkemeier handelte.

Als die Bube sein Büro betrat und ihn fragte, was das denn sollte, wußte er keine rechte Antwort zu geben.

"Die Wahrheit ist, das wir ganz schön in der Tinte sitzen."

Die Bube entgegnete: "Wir lassen eine Phantomzeichnung von ihm anfertigen und werden sie in der Zeitung veröffentlichen. Wir sind auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen."

So schleppten sich ihre Ermittlungen Stück für Stück voran, ohne daß sie eine wirkliche Spur fanden. Auch das Tatmotiv blieb weiterhin völlig im dunkeln.

Kommissar Norman Kreutz fuhr jetzt mit der Bandaufnahme zur Wohnung des Hausmeisters Heller, die er kurz darauf betrat. Er spielte sie dem Hausmeister vor.

"Das ist die Stimme von Hensinger. Eindeutig!" entgegnete dieser daraufhin.

"Irrtum ausgeschlossen?" - "Völlig!"

Danach spielten sie der Mutter des Hausmeisters das Band vor, und die alte Frau bestätigte ihre am Vortage nicht ganz ernstgenommene Aussage.

Kreutz war verblüfft, dankte und fuhr ins Präsidium zurück. Dort berichtete er der Bube von dem Erlebten.

"Das muß ein Zufall sein. Die Bandaufnahme gibt so eine Stimme nie orginalgetreu wieder."

"Ich müßte diesen Politiker einmal sehen."

Kreutz fuhr ins Funkhaus und ließ sich dort einen Nachrichtenspot heraussuchen und vorspielen, in dem er den CDU-Politiker sehen konnte.

Nein. Nun war auch er sich sicher, daß es sich um einen Zufall ähnlich klingender Stimmen handeln mußte. Das konnte nicht der Mann sein, den ihm das Barmädchen vom Blanche beschrieben hatte.

Der Kommissar bedankte sich und machte Feierabend.

Am nächsten Tag meldete sich Hausmeister Heller bei der Kripo. In seiner Post fand er ein Schreiben von dem Mieter der Tatwohnung, einem gewissen Hensinger. Beigefügt waren Bargeld und ein Schreiben mit der Bitte um sofortige Kündigung der Wohnung.

Kreutz nahm Heller das Anschreiben und den Umschlag ab. Das Geld ließ er ihn behalten. Die als Absender angegebene Adresse war, wie schon festgestellt, falsch. Doch jetzt besah sich Kreutz den Umschlag genau. Der als Adresse angegebene Ort lag in Niedersachsen. Der auf dem Poststempel verzeichnete Ort aber nicht. Kreutz nahm einen Autoatlas und suchte auf ihm über eine halbe Stunde, bis er den Ort gefunden hatte. Er lag in Baden-Württemberg.

Da stutzte der Kommissar. Eine zweite Spur, von der ersten völlig unabhängig, führte also nach Baden-Württemberg.

Nun zweifelte Kreutz keine Minute mehr daran, daß dieser Politiker in den hiesigen Fall verwickelt schien. Er weihte die Bube ein, die sich nun ebenfalls einer gewissen Skepsis hingab.

"Doppelleben. So was soll es geben."

"Wie wollen wir vorgehen, Bube?"

"Ganz einfach. Ich fahre als Journalistin verkleidet in die heiligen Gemächer und versuche, mir ein Bild von dem Mann zu machen. Er soll nicht gleich Lunte riechen."

Kreutz war mit dieser Idee einverstanden, und die Bube bereitete alles für ihren Trip nach Baden-Württemberg vor. Verkleiden brauchte sie sich allerdings nicht.

Von Braunschweig aus vereinbarte sie noch telefonisch alle Termine, um sicher sein zu können, daß sie nicht umsonst fahren würde.

Die Telefoniererei nahm zeitlich fast einen ganzen Tag in Anspruch. Entweder wurde sie beim Verbinden in der Leitung vergessen, oder niemand wußte, wer zuständig für ihr Anliegen war. Der Pressesprecher hatte natürlich Urlaub. So ging es hin und her, bis sie schließlich im Vorzimmer des Politikers landete.

Mit dieser Dame sprach sie einige Termine ab, darunter auch einen Termin mit dem fraglichen Politiker selbst.

Am nächsten Tag ging's los. Die Bube bezog nach ihrer Anreise das Hotelzimmer, das sie telefonisch gebucht hatte. Dann sollte ihre Safari beginnen. Mit Fotoapparat, Kasettenrecorder, einem Schreibblock und einem Stift bewaffnet zog die Bube in die große Politik, zumindest um sie zu hinterfragen.

Zwei Tage mühseliger Kleinarbeit lagen vor ihr, bis sie sich in die Chefetage durchgearbeitet haben würde. Bevor sie den großen Mann persönlich kennlernen würde, hatte sie ein unumstößliches Bild von ihm, das ihr die Mitarbeiter seines Amtes gezeichnet hatten.

Durch die Reihe weg hielten sie ihn für einen Ehrenmann. Allerdings wäre er ein sehr verschlossener, zurückhaltender Mensch, der sich zwar mit einem gewissen Rückgrat für seine konservative, bürgerliche Richtung einsetzte, der aber ansonsten sehr zurückgezogen mit seiner Familie lebte. Er verkörperte für sie den typischen Biedermann, von dem rein menschlich keine Ausstrahlung auszugehen schien. Er galt als steif, unnahbar und arrogant. Sein Auftreten seinen Sekretärinnen gegenüber ließ die Vermutung aufkommen, als hätte der Mann Berührungsängste.

Immer stärker zweifelte die Bube nun wieder an der Richtigkeit ihrer Spur. Am dritten Tage traf sie mit der Vorzimmerdame zusammen, bei der sie sich im Vorfeld für gewisse indiskrete Fragen entschuldigte.

"Was ist das für ein Journalismus, den Sie betreiben?" fragte die Dame.

"Es ist das, was eine gewisse Schicht liest, weil es das einzige ist, wofür sie sich interessiert. Aber sie stellt ein gewisses, nicht zu unterschätzendes Wählerpotential dar."

"Macht Sie ein derartiger Schmierfinkjob glücklich?"

"Macht es Sie glücklich, Ihren Chef dauernd vor unangenehmen Gästen wie mich verleugnen zu müssen?"

"Jeder hat seine Last zu tragen. Was möchten Sie wissen?"

"Trauen Sie ihm einen Seitensprung zu?"

"Was für eine Antwort erwarten Sie, wo ich diese morgen in irgend einem Klatschblatt lesen kann? Dieser Mann ist absolut integer. Er ist eine Persönlichkeit. Sie werden es bestätigen, wenn Sie ihn erst persönlich kennengelernt haben."

Durch diese Dame erfuhr die Bube nichts. Sie war zugeknöpft bis oben hin. Aber imgrunde bestätigte sie nur den Eindruck von dem Mann, den sie aus dem Gespräch mit den anderen gewonnen hatte.

Sie war sicher, am nächsten Tage jenem Klischee eines CDU-Politikers in Leibhaftigkeit zu begegnen, so, wie sie sich diese Leute immer vorgestellt und verabscheut hatte.

Der nächste Tag rückte an und mit ihm die Bube auf der Residenz des Herrn Doktor Monkemeier. Er lebte dort mit seiner Familie völlig zurückgezogen in einem alten Schloß.

Hier drang die Bube in eine ihr völlig fremde Welt ein, in der sie kaum wagte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, weil jede ihrer Bewegungen eine für hiesige Verhältnisse falsche sein konnte.

Es war die Welt der Kerzenständer und Kronleuchter, der Juwelen, der Kunst, der Marienbilder und Kruzifixe. Vor ihr erstand die streng katholisch, von allem Weltlichen abgeschirmte Welt des vergangen Jahrhunderts, in die hinein sich ein Politiker zurückzog, um tags darauf für unsere Welt, in der wir lebten, die Entscheidungen zu treffen.

Der Bube schlug das Charakteristikum des Bürgertums entgegen, daß sie schon als Kind mit einer gewissen Verachtung betrachtet hatte. Einfach alles war ihr an dieser gestellten Welt zuwider.

Dann kam ein Butler auf sie zu, der einem Märchenalbum vergangener Jahrhunderte entsprungen zu sein schien.

Dieser führte sie in ein riesiges Zimmer, in dem eine Frau, nein, eine Dame, an einen Kamin gelehnt, vor ihr stand.

Die Dame war groß, sie trug ein langes Kleid und ihre Haare glichen jener weißen Perückenpracht, die sich die Justiz früher oder in anderen Ländern zuweilen noch heute aufsetzte. Auch diese Frau paßte nicht in die Gegenwart. Ihr Alter schätzte die Bube auf Mitte sechzig.

"Guten Tag. Ich möchte gerne Herrn Dr. Monkemeier sprechen."

"Der Herr Abgeordnete, mein Mann, wird gleich kommen. Bitte nehmen Sie Platz."

Die Bube setzte sich. Schweigen und menschliche Kälte schlugen ihr entgegen. Eine gespenstische Szene menschlichen Unbehagens begleitete das Warten auf einen vom Volke gewählten Vertreter, der für es Entscheidungen zu treffen hatte.

Die große Eichenholztüre öffnete sich, und ein Mann mit schwarzem Smoking betrat den Raum. Kerzengerade schritt er auf die Bube zu, die ihm vorgestellt wurde.

Es schien, als hätte dieser Mann jeden einzelnen seiner Schritte genauestens einstudiert. Er bewegte sich rein mechanisch. Keine menschliche Regung war an ihm wahrzunehmen. Der Mann war ein Monster.

Fürchterlich anzusehen waren auch seine völlig kontrollierten, zu keinem Lächeln bereiten Gesichtszüge.

Die Bube erhob sich. sie wollte ihm gerade die Hand entgegenstrecken, als er sagte: "Bitte nehmen Sie Platz. Machen Sie es bitte kurz, ich habe wenig Zeit."

Beide setzten sich, und die Bube stellte ihre vorbereiteten Fragen aus den Themenbereichen Politik und Zeitgeschehen.

Auch jede seiner Antworten offenbarte das gleiche Bild, das er mit seinem Auftreten abgab. In ihnen war nichts Spontanes. Alles, was er sagte, war exakt, kühl, distanziert und mit dem unterschwelligen Ton des Überzeugten, ja Überheblichen.

Das Gespräch verlief wie eine Protokollnotiz. Nichts Belebendes. Nichts Außergewöhnliches. Billiges Herunterkanzeln anderer Standpunkte als der der CDU zu wichtigen Fragen des Tagesgeschehens.

Eine letzte Frage privater Natur konnte sich die Bube nun doch nicht verkneifen, als sie wissen wollte, ob der knallharte und standfeste Politiker an Gott glaubte. Er bejahte die Frage und antwortete auf weiteres Nachbohren der Bube nach den Gründen mit den Worten: "Aus Anstand."

Anstand als den Grund für eine innere Überzeugung erschien der Bube nicht gerade besonders logisch. Aber vermutlich war an diesem gebügelten und gestriegelten Mann um die Fünfzig nichts logisch. Überhaupt nichts.

So verließ die Kommissarin in der Rolle der Klatschblattjournalistin das Palais mit tiefer Abneigung gegen diesen Mann und das gesamte Bürgertum. Es war nicht ihre Welt. Zum erstenmal drängte sich ihr der Gedanke auf, daß der Mann, dem sie gegenübersaß, dem klassischen Bürgertum, das er zu repräsentieren hatte, vielleicht dieselben Abneigungen entgegenbrachte wie sie. Wie häufig haßten Menschen nichts stärker, als das, was sie zu repräsentieren hatten. Unwahrscheinlich kam ihr nur vor, daß der Mann sich so wandeln können sollte. Konnte ein Mensch wirklich das ganze Gegenteil von sich selbst zu gleich sein? Diese Frage beschäftigte sie auf ihrer Rückreise und ließ ihr keine Ruhe mehr.

Als sie wieder in Braunschweig war, spielte Norman Kreutz das Tonband ab. Dabei fiel ihm sofort auf, daß der Geburtsort, den Monkemeier nannte, derselbe war, der auf dem Poststempel des Briefes zu lesen war, der an Hausmeister Heller geschickt worden war. Kreutz schnappte sich den Rekorder und ging ins Blanche. Dort spielte er der Bedienung, als sie an seinen Tisch kam, einen kurzen Ausschnitt von der Bandaufnahme vor.

"Ist er das, der da spricht?" fragte Kreutz die Frau.

"Kommen Sie heute abend in meine Wohnung, Odastraße 4, bringen Sie das Band mit."

In ihrer Wohnung hörten sie gemeinsam das ganze Band ab. Anschließend sagte die Bedienung aus dem Blanche:

"Es ist unglaublich. Ich fasse es nicht. Der Mann ist das krasse Gegenteil von sich selbst. Es ist der Mann, mit dem ich geschlafen habe. Aber er ist es doch nicht. Ich hätte doch nie mit einem führenden CDU-Repräsentanten mein Bett geteilt. Und was der da plötzlich über 218 erzählt, nee, Hensinger, also Jimmy, denkt und redet wie ein 68er. Aber er ist es, zweifellos. Er ist es."

"Was macht Sie so sicher?"

"Er sagt 'isch' statt 'ich'. Das fiel mir sofort an ihm auf."

Am nächsten Tag fuhr Kreutz zu Heller, dem Hausmeister, und fragte ihn, ob er sich an irgend ein sprachliches Merkmal erinnern könnte, das ihm an Hensinger aufgefallen wäre.

"Isch!" sagte Heller. "Er sagt immer 'isch' statt 'ich'."

Es lief dem Kommissar eiskalt über den Rücken. Sie hatten den Mann. Sie wußten, wer Hensinger war. Alles deutete auf den Politiker aus Baden-Württemberg, Doktor Monkemeier.

Kreutz und Bube machten sich am nächsten Tag im Büro Gedanken, wie sie an den gnädigen Herren herantreten sollten. Die Politiker waren immerhin eine Kaste für sich.

Sie schalteten den Kriminalrat ein und berichteten ihm von den fast unglaublichen Vorfällen. Der kündigte an, Kontakte zu Kollegen aus Baden-Württemberg knüpfen zu wollen, um einen Weg zu ebnen, der Rechststaatlickeit nach dem Prinzip der Gewaltenteilung Raum zu verschaffen, ohne den politischen Raum zu diskreditieren. Außerdem sollte alles so geheimgehalten werden wie irgend möglich.

Am nächsten Tag wurden die beiden Kommissare zum Kriminalrat hereingerufen. Er teilte ihnen mit, daß die Kollegen aus Baden-Württemberg mit einem hohen Politfunktionär Kontakt aufgenommen hätten, der dafür garantieren würde, daß Monkemeier in Begleitung der Polizei, aber unmerklich für Presse und sonstige Öffentlichkeit, nach Braunschweig überstellt würde.

Schon einen Tag später war er fast zum Entsetzen der hiesigen Kripomitarbeiter da. Dr. Monkemeier alias Jimmy Hensinger war in Braunschweig. Die diplomatische Schiene hatte ihren unbestreitbaren Beitrag geleistet.

Es faszinierte die Bube, daß dieser Mann so widerspruchslos gekommen war. Damit hätte sie nach allem nicht gerechnet.

Der Kriminalrat kam herein und sagte: "Der Politiker sitzt im Nebenzimmer. Verhören Sie ihn bitte nicht wie einen x-beliebigen Verbrecher. Außerdem muß seine Schuld erst mal bewiesen werden."

"Alles klar!"

Kreutz und Bube wechselten die Räumlichkeiten und traten in den Gesichtskreis dieses rätselhaften Mannes.

"Wir kennen uns. Guten Tag. Aber ich mußte Sie belügen, ich bin nicht Journalistin, sondern Kriminalbeamtin."

Monkemeier erhob sich, gab der Bube verneigend einen Handkuß und entgegnete: "Ich habe Sie auch belügen müssen. In Wahrheit teile ich einen beträchtlichen Anteil Ihrer politischen Auffassung. Außerdem war meine offensichtliche Abneigung Ihnen gegenüber nur gespielt. Jetzt können wir ja offen miteinander reden."

"Das will ich hoffen. Immerhin geht es um Mord."

"Ich weiß. Eine bedauerliche Angelegenheit, die einer Romanze ganz besonderer Art ein Ende gesetzt hat."

"Sie versuchen erst gar nicht, zu leugnen?"

"Was soll ich leugnen? In meiner Angst, entlarvt zu werden, bin ich geflüchtet. Das war gewiß ein Fehler. Doch die junge Frau war bereits tot, als ich die Wohnung wieder betrat."

"Wohin waren Sie gegangen?"

"Brötchen holen. Wir wollten frühstücken. Nicht gutbürgerlich."

"Ich denke", warf Kreutz ein, "Sie müssen uns jetzt ein wenig über sich erzählen."

"Das will ich gerne tun, fragen Sie, was Sie wissen möchten!"

"Erstens", gab Kommissar Kreutz zu bedenken, "Sie geben offen zu, als Jimmy Hensinger aufgetreten zu sein und unter diesem Namen eine Absteige angemietet zu haben, in der Sie sich mit diversen jungen Frauen getroffen haben, die auf Annoncen geantwortet haben, wie zum Beispiel diese: 'Einfach die Schuhe über Bord werfen ...' usw."

"Gut recherchiert, so ist es."

"Warum machen Sie das?"

"Warum! Warum! Fragen Sie Ihre Kollegin. Sie hat mich erlebt, wenn ich selbst in meiner Privatsphäre mich noch in Amt und Würden geben muß."

"Sie sind also gelegentlicht ausgebrochen!"

"So kann man es nennen."

"Weshalb sind Sie nicht ganz ausgebrochen? Warum haben Sie Ihrer Welt, wenn Sie sie doch nicht mehr ertragen haben, nicht den Rücken gekehrt?"

"Diese Welt ist meine Einnahmequelle. Wir alle verkaufen doch für unser Gehalt unseren Körper und unsere Seelen. Das Geld befriedigt zwar, gelegentlich jedenfalls, aber das Resultat ist ein seelischer Krüppel. Eine Hure, die ihren Körper und ihre Gefühle wirklich gibt, ist bald hinüber. Sie spielt für ihr Geld eine Rolle. Viele sogenannte ordentliche Arbeitnehmer oder Beamte können das nicht. Für ihr Geld zeigen sie den vollen Einsatz ihres Körpers und ihrer Seele. Das ruiniert sie dann. Ich tue das nicht. Für mein Geld spiele ich meine Rolle. Dadurch bleibt mein Körper fit. Meine Seele wird frisch und jugendlich, wenn ich in meine Freizeitrolle schlüpfe, für die ich lebe und sterbe."

"Aber wie können Sie denn die Welt, die Sie für Geld repräsentieren, wirklich glaubhaft vertreten?" fragte die Bube.

"Weil ich sie schätze. Jede Hure wäre dumm beraten, ihre Freier nicht zu schätzen. Es sind ihre Geldgeber. Auch Sie müssen Ihren Geldgeber schätzen, deshlab brauchen Sie aber nicht mit ihm verheiratet zu sein."

"Trotzdem", warf Kreutz ein, "was Sie leben, ist für mich ein unlösbarer Widerspruch."

"Natürlich. Das ganze Leben ist ein Widerspruch. Es kann nur in seinen Gegensätzen existieren. Ost und West waren lange Jahre Gegensätze. Nicht zuletzt waren es die Gegensätze in uns selbst, die wir brauchen. Nach dem Wegfall dieser politischen Gegensätze kann das Leben vieler in eine Identitätskrise fallen, da nun diese Gegensätze in uns selbst ihre Bedeutung ebenfalls verloren haben. Orientierungschwäche oder gar Orientierunglosigkeit können die Folge sein.

So ist auch der Gegensatz Bürgertum und Arbeiterschaft in uns vereinigt wie Ordnungssinn und künstlerisches Schluderleben. Beide Gegensätze sind in uns vereint. Um sich für einen von ihnen zu entscheiden, muß man sich nicht zwangsläufig gegen den anderen entscheiden. Das führt lediglich zur Verarmung unserer Seele, unseres Ichs. Ich bin die Gegensätzlichkeiten, ich bin immer zwei. Wer sich für eine Richtung entscheidet und die andere bekämpft, führt einen aussichtslosen Kampf. Gelingt ihm die Spaltung seines Bewußtseins, wird er irre. Beide Richtungen gleichermaßen zu akzeptieren, die Bewußtseinströme zu vereinigen und jedem zu seiner Zeit nachzugehen, das ist die Kunst, die freimacht."

"Freimacht? Wovon?" fragte die Bube.

"Frei von den Zwängen, die jede Lebensweise mit sich bringt. Erliege ich einer allein, werde ich ihr Sklave. Bin ich aber Pendler zwischen den Gegensätzen, bin ich frei von jeder Sklaverei."

"Vor Ihren Wählern vertreten Sie in einem Schloß die Belange des Bürgertums und hier schlafen Sie mit x-beliebigen Frauen in einer billigen Absteige und gaukeln ihnen den ewig jungen 68er vor. Wie vereinbart sich das?"

"Gar nicht. Sie müssen verstehen, m i t den Gegensätzen in Ihrem Ich zu leben, nicht gegen sie. Das Bürgertum ist das Größte und Beste, das die Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat. Zugleich ist es das Verwerflichste. Die, die es bekämpft haben, sind allesamt gescheitert. Deshalb versuche ich das erst gar nicht. Warum auch? Das Bourgeois hat wirklich Größtes hervorgebracht. Selbst Marx hat es heiß und inniglich geliebt. Deshalb wollte er dem Proletariat einfach den Zugang zu dieser Welt ermöglichen. Dafür mußte er die Bourgeoisie ein wenig schelten. Abschaffen oder bekämpfen wollte er sie imgrunde nie. Er wollte den materiellen Fortschritt, den nur das Bürgertum erzielt hatte, auf die Arbeiterschaft ausdehen. Daß die Kommunisten scheiterten, lag daran, daß sie das Bürgertum bekämpft haben.

Daran sind auch die Linken hier gescheitert. Dashalb vertrete ich das Bürgertum, repräsentiere es, weil es mir die Substanz, das finanzielle Polster und die Möglichkeiten gibt, linke Jungendträume auszuleben. Das ist die wirkliche Freiheit, die wir haben können, wenn wir es verstehen, uns mit den Gegensätzen in uns selbst zu arrangieren. Es werden übrigens immer, ach, zwei Seelen in meiner Brust wach.

Das war bei Goehte so, es ist heute so und wird so bleiben.

Ich bin zwei: Konservativer Bourgeois und 68er Träumer. Ich liebe beides. Vor anderen muß ich nur das jeweils andere verleugnen, solange ich meine Rolle spiele."

"Warum haben Sie dann politisch nicht mehr Verständnis für die Linken, wenn Sie doch in Ihrem Herzen auch einer sind?" fragte die Bube.

"In meiner Rolle, welche auch immer, werde ich nach außen hin die andere Seite immer verleugnen müssen. Ich bin so etwas wie ein Doppelagent, den übrigens ähnliche, wenn nicht dieselben Motive treiben, das Tendieren zur anderen Seite, das Liebäugeln mit ihr wird schnell von der eigenen als Verrat ausgelegt. Ich will nicht öffentlich und offiziell Verrat ausüben. Ich will gut leben und meine Brötchengeber unterstützen, wo ich nur kann."

"Und Ihre Frau! Ist das nicht doch Verrat?" warf Kreutz ein.

"Es gab Zeiten, als das Bürgertum noch nicht seine Herrschaftsstellung über die Gesellschaft angetreten hatte, da wurde das Verleihen von Geld und die Rückforderung mit Zinsen als übelster Verrat ausgelegt. Das empfindet heute jeder als sebstverständlich. Niemand würde einen Bankier ernsthaft nach seinem Gewissen fragen. Das Bürgertum sah so etwas als selbstverständlich an. Dafür bemängelte es andere Dinge, wie in der Sexualität. Wenn ich fremdgehe, bin ich einfach kein 'Bürger', und somit auch kein Verräter."

"Verstehe. Der Standpunkt bestimmt die Perspektive", schlußfolgerte die Bube.

"Ihre Lebensphilosophie ist nicht uninteressant. Aber kommen wir zu dem Mordopfer", sagte Kreutz.

"Gewiß doch. Paula Mertens, 29 Jahre. Auch sie antwortete auf meine Annonce. Sie wollte den bürgerlichen Ballast gemeinsam mit mir abschütteln. Wenigstens vorübergehend."

"Warum können Sie das so gut?"

"Man muß hundertprozentig kennen, was man abgrundtief bekämpfen will. Nur dann kann der Kampf erfolgreich sein. Wer kann das Bürgertum besser in uns bekämpfen, als ich, der ich es vertrete?"

"Auch wieder wahr. Also, Paula Mertens, 29 Jahre alt."

"Sie war eine ganz besondere Frau. Wie gewohnt ging ich, wenn ich dort nächtigte, morgens irgendwann zum Bäcker 'rüber und holte Brötchen fürs gemeinsame Frühstück. An jenem Morgen hatte der Bäcker überraschenderweise geschlossen. Ich mußte einige Straßen weitergehen zu einem anderen Bäcker. Dadurch kehrte ich erst nach zwanzig Minuten, etwa zwanzig Minuten in das Mietshaus zurück. Beim Fortgehen hatte ich die Tür umgeschlossen. Paula blieb solange allein im Bett zurück. Als ich die Wohnungstür aufschließen wollte, bemerkte ich, daß sie nicht mehr zugesperrt war. Ich öffnete und fand Paula aus dem Kopf blutend auf dem Boden liegend. Sofort erkannte ich, daß sie tot war. Da nahm ich die Brötchen, verließ die Wohnung, schloß zu und flüchtete."

"Und Sie denken, daß wir das einem schizophrenen CDU-Politiker so einfach glauben?" sagte die Bube forsch.

"Sie haben keinen Grund, es mir zu glauben. Aber es ist die Wahrheit."

"Gibt es im Umkreis von Paula Mertens Menschen, die das Verhältnis gestört hat, die Rache an ihr nehmen wollten?"

"Bei jeder anderen Frau, die ich hatte, hätte ich das als Tatmotiv vermutet. Aber ausgerechnet bei Paula stehe ich vor einem völligen Rätsel. Es gibt niemand, der ein Motiv hätte."

Kreutz und Bube zogen sich kurz zur Beratung mit dem Kriminalrat zurück.

Der sagte: "Wir halten den Politiker hier nicht fest. Er kam sofort bereitwillig, hat ohne zu lügen alles ausgesagt. Wenn er unschuldig ist, haut einen Mann von dieser Klasse jeder Anwalt da heraus, daß er die Leiche fand und flüchtete, ohne die Polizei zu verständigen. Bei seiner Position ist das immer verständlich, hat das immer verständlich zu sein."

So ließen sie den Mann gehen.

"Was soll man eigentlich noch wählen?" fragte Norman Kreutz Katharina Bube. "Kein Wunder, wenn alle Wähler so frustriert sind. Da wählt man CDU und in Wahrheit einen 68er, der fern ab von jeglicher gesellschaftlichen Moral ein Doppelleben führt."

"Ich kann dir sagen, was du wählen sollst."

"Ach, hör auf. Die Grünen fahren auch längst mit 'nem Daimler im Rathaus vor."

"Die Gegensätze im Menschen. Du hast ja gehört. Der eine pervertiert nach unten, und der andere nach oben. Und wir Durchschnittsbürger bewegen uns ahnungslos durch einen luftleeren Raum."

"Korrekt, Bube! Aber zurück zu unserem Mord. Die Begegnung mit dem Politiker war zwar sehr interessant, aber höchst überflüssig."

"Das war Sie nicht, Norman. Wir wissen jetzt, daß das Opfer seinen Mörder freiwillig hereingelassen haben muß."

"Richtig. Der Mörder war nicht gewaltsam eingedrungen. Wenn Monkemeier, schon dieser Name, es nicht war, muß es ein Bekannter gewesen sein."

"Die Frau hatte aber keine Bekannten."

"Gibt es noch jemanden, der einen Zweitschlüssel zur Wohnung hat?"

"Na klar, und da haben wir ihn. Komm schnell mit!"

Die beiden Kommissare fuhren schnell zu dem Mietshaus, in dem der Mord geschah und klingelten beim Hausmeister, der kurz danach die Tür öffnete.

"Guten Tag, Herr Heller! Dürfen wir hereinkommen?"

"Aber bitte, guten Tag. Gibt es etwas Neues?"

"Kann man wohl sagen", erwiderte Kreutz.

Daraufhin die Bube: "Seit wann genau hat der Bäcker gegenüber geschlossen?"

"Er macht morgen wieder auf. Dann waren es vierzehn Tage."

Die Bube rechnete kurz nach und sprach: "Frühstückte Hensinger immer morgens mit seinen Geliebten und holte vorher die Brötchen?"

"Ja, ja. Ich glaube ja."

"Warum glauben Sie das?" fragte Kreutz. "Haben Sie es beobachtet?"

"Naja, man kriegt doch so mit, was mit den Leuten los ist."

"So? Kriegt man das? Wenn man sich dafür interessiert, sicherlich!" sagte die Bube.

Kreutz: "Sie haben sich dafür interessiert. Weniger für Hensinger. Aber mehr für seine Frauen. Als er an jenem Morgen Brötchen holen ging, wußten Sie, er würde länger fortbleiben. Sie wußten ja als einziger aus dem Haus, daß der Bäcker gegenüber geschlossen hatte. Und Sie haben einen Schlüssel zur Wohnung ..."

Ängstlich blickte der Hausmeister Kreutz und Bube wechselweise an. Endlich sagte er: "Warum nur Hensinger? Ich dachte, das waren Huren. Da schloß ich auf, ging hinein, legte einen Hunderter auf den Nachtschrank und legte mich zu ihr ins Bett. Ich sagte, los, besorg's mir doch auch mal. Der kommt so schnell nicht zurück! Aber sie sprang schreiend auf mich los und schlug mir ins Gesicht. Da kriegte ich es mit der Angst, griff nach einem harten Gegenstand und schlug damit nach der Frau, als sie hinter mir herlief. Plötzlich fiel sie vor mir zu Boden. Sie war sofort tot. Einfach so tot. Warum hat sie nicht mit mir geschlafen? Es war doch eine Hure! Ich habe doch auch dafür bezahlen wollen. Das Geld lag doch schon auf ..."

"Es war keine Hure", antwortete Kommissar Kreutz.

"Aber was dann?"

"Eine ganz normale Frau, die das Bürgerliche im Alltag akzeptierte, weil sie davon lebte, und die in ihrer Privatsphäre das Bürgerliche abstreifen wollte, ja das Bürgertum mit Verachtung strafen wollte."

"Ich dachte", sagte Heller, "die wollten es miteinander treiben?"

"Sie haben das Anliegen der beiden Personen nicht verstanden. Das war Monkemeiers Fehler. Er hätte seine erdachte Welt nicht in die Realität dieses Mietshauses verlegen dürfen. Er war immer großkotziger Spießbürger. Er wußte um den Gegensatz dazu, er hat ihn gespürt, richtig gekannt aber hat er ihn nicht. Die Welt, in die er gelegentlich abstieg, war ihm fremd und wird ihm wohl auch immer fremd bleiben."

Diese Worte der Bube hatte Heller wiederum nicht verstanden.