©opyright: Dirk Rühmann, 38126 Braunschweig, Costiverlag
mehr als 80 Kriminalromane aus der Region Braunschweig sowie Informationen über die Stadt und Umgebung auf  www.bs-krimi.de


Namen, Personen und Handlung dieser Kriminalgeschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen wäre zufällig und unbeabsichtigt.

Grenzgänger

Menschen über Menschen bummelten an diesem herrlichen Spätsommertag durch die Einkaufspassage des Kurorts Bad Harzburg. Es waren zahlreiche ältere unter ihnen.

Lars Pahl und seine Freundin Senta Beiße, beide Anfang dreißig, hatte es an diesem Nachmittag auch hierher verschlagen, und sie genossen die Landschaft, die Häuser und die vielen Menschen, wenngleich der Altersunterschied zu ihnen beträchtlich war. Es war ein anheimelndes Bild, das sich ihnen bot.

Vor einem Andenkenladen blieben die beiden stehen und besahen sich die teilweise urigen Dinge, die dort ihren Betrachter in den Bann schlagen sollten, damit sich die Kasse des Ladenbesitzers allmählich füllte.

Ihre Blicke sprangen verloren und ziellos von einem zum anderen Andenken, und sie dachten, daß es imgrunde alles Ramsch war, Plunder, der Urlauber vorübergehend faszinieren sollte, um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen.

Doch dann hielten Lars Pahls Augen inne, so, als hätte sie irgendein nicht näher zu bestimmendes Signal gestoppt.

Zunächst wußte er nicht, warum ihm ein bestimmtes Andenken besonders ins Auge gefallen war. Doch als er es sich eine Weile besah, entglitten seine Blicke ins Leere, und es waren seine Gedanken, die jetzt weiterschauten. Sie schauten weit zurück in die Tage seiner Kindheit, und ein vertrautes Wohlgefühl umgab ihn. Da begriff er, daß er dieses Amulett schon einmal gesehen hatte. Als kleiner Junge hatte er es zuletzt am Hals seines Vaters gesehen. Beide, weder Vater noch Amulett, hatte er je wiedergesehen.

Als er größer geworden war, hatte ihm die Mutter erzählt, daß der Vater mit einem Freunde in ein anderes Land gegangen wäre, in dem Milch und Honig flössen. Dort würden sie bald sehr reich werden, und dann würden die Mutter und der Sohn vom Vater geholt werden, um auch in diesem Paradies leben zu können.

Pahl war auf andere Weise in dieses Paradies geholt worden, aber das Paradiesische, das er sich immer so ausgemalt hatte, es fehlte. Die Geschichte selbst hatte ihn ins Paradies geholt, als die Grenzen fielen, und die DDR der Bundesrepublik beitrat. Natürlich war alles viel bunter und ungezwungener als bei ihm zu Hause, aber sah so das Paradies aus? Gewiß nicht.

Jedenfalls war der Vater schon dort hingegangen, als Lars noch klein war, und der Gang dorthin strengstens verboten war.

Nie wieder hatten er und seine Mutter vom Vater und dem Freunde etwas gehört. Erst als Lars fünfzehn Jahre alt war, konnte er sich zusammenreimen, welcher Tragödie die beiden Republikflüchtlinge zum Opfer gefallen sein mußten.

Seine Mutter hatte bis zu ihrem Tode vor einem Jahr nie darüber gesprochen. Sie hatte die Wahrheit verdrängt. Für sie lebte ihr Mann, da sie nie eine Todesnachricht bekommen hatte. Immer hatte sie ihrem Sohn erzählt, was für ein guter Mensch der Vater war. Und nie hatte sie die Hoffnung aufgegeben, daß er noch leben, und sie herüberholen würde. Als die Grenzen fielen, war sie zu krank und schwach, um das gelobte Land wenigstens noch zu sehen.

Die Begegnung mit diesem Amulett hatte seine Kindheit zurückgerufen und einen Tropfen Wehmut in ihn hineingelegt. Wie war es in diesen Laden gekommen?

Pahl faßte sich wieder und erklärte seiner Freundin die Situation. Es gab keinen Zweifel, daß es sich um das Amulett seines Vaters handelte, da es seine Initialen trug.

Nach fast dreißig Jahren hatte er es hier wiedergefunden. Pahl betrat gemeinsam mit seiner Freundin den Andenkenladen. Freundlich grüßend erkundigte er sich danach, wo der Ladenbesitzer oder Pächter eben jenes Andenken herbezogen hätte. Der ältere Mann ging zum Schaufenster, entnahm ihm das gezeigte Stück, überlegte eine Weile und sagte dem jungen Mann schließlich, daß ein Bekannter ihm dieses eine Stück in der Kneipe gegen ein großes Bier eingetauscht hätte.

Pahl kaufte das Amulett und bat um den Namen des Mannes, der es zuvor besessen hatte.

Plötzlich überfiel ihn ein Gefühl, als wäre irgendeine Spur zu seinem Vater freigelegt, ein Anfang von einer ihm unbekannten Geschichte, die zwar nie ein offizielles Ende gefunden hatte, aber doch ein tragisches Ende gefunden haben mußte.

Von einer Minute zur anderen hatte sich der Tagestourist in Bad Harzburg in einen Detektiv verwandelt, der motiviert war, in eigener Sache zu ermitteln, um das Schicksal seines Vaters zu enthüllen und der Weltgeschichte ein Geheimnis zu entreißen.

Er war fest entschlossen, über dieses Amulett das Ende seines Vaters zu ergründen, und zunächst den Mann aufzusuchen, der es besessen hatte.

Der Gedanke war absurd. Sollte ernsthaft eine Spur über dreißig Jahre anhand eines Amuletts gefunden werden, das viele ständig wechselnde Besitzer gehabt haben konnte, bis es schließlich in jenem Andenkenladen gelandet war, um dort abermals auf einen neuen Besitzer zu warten?

Jedenfalls war es nach einem makaberen Kreislauf wieder in den Familienbesitz zurückgelangt. Pahl wollte es in Ehren halten. Mit dem Amulett ehrte er auch seinen Vater, den er aufgrund der Schilderungen seiner Mutter unbekannterweise geliebt hatte.

Damals war er zu klein gewesen, um sich jetzt noch ein Bild von seinem Vater machen zu können. Er besaß lediglich einige Fotos von ihm aus der damaligen Zeit.

So zog der Abend in die Berge des Harzes ein und ließ den Kurort in seine gewohnte Dämmerstunde fallen.

In einem Gasthaus mitten im Zentrum fragte Pahl, der immer noch von seiner Freundin begleitet wurde, nach dem Unbekannten, der das Amulett seines Vaters besessen hatte.

Pahl wurde von einer Serviererin an einen Tisch geführt, an dem ein einzelner Mann um die Sechzig saß, der den Anblick eines rechten Naturburschen bot.

Nach kurzer Erklärung gestattete der Fremde, daß Pahl sich zu ihm setzen durfte.

"Sie fragen nach dem Amulett, junger Mann? Das ist schon eine erstaunliche Geschichte. Neulich sah ich Truppen beim Abbau des Grenzzaunes zu. Während sie das Erdreich ein wenig ausgruben, stießen sie beim Buddeln auf dieses Amulett. Sie nahmen es und warfen es achtlos weg. Da hab' ich es an mich genommen. Ich dachte, da könne mein Freund Kalle aus dem Andenkenladen vielleicht noch ein paar Mark dran verdienen."

"Können Sie mir morgen die genaue Fundstelle zeigen?"

Der Mann bejahte. Dann half er ihm und seiner Freundin noch, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Am nächsten Morgen gingen die beiden Männer zur Fundstelle des Amuletts. Dort erinnerte kaum noch etwas an den ehemaligen Todesstreifen. An jener Stelle, an der das Amulett ausgegraben wurde, begann Pahl, der einen Spaten mitgenommen hatte, ein Loch auszuschaufeln.

"Was wollen Sie denn da finden?" fragte der Alte.

Achselzuckend grub Pahl wie ein Besessener. Er grub tiefer und tiefer. Anschließend vergrößerte er das Loch in der Breite. Schließlich stieß er auf etwas Hartes.

Verwundert darüber sahen die Männer einander an. Worauf sollte er gestoßen sein? Der Alte half Pahl nun, vorsichtig die harte Stelle in dem Loch freizulegen. Sie entdeckten einen Fußknochen.

"Lassen Sie uns die Polizei rufen", sagte Pahl zu dem Alten.

Zwei Stunden später war eine Anzahl von Polizeibeamten am Fundort. Einige der Polizisten gruben das Loch vollständig aus und legten somit das Skelett eines Menschen frei.

Pahl lief es eiskalt über den Rücken. Sollten das die sterblichen Überreste seines Vaters sein, dessen Sehnsucht nach Freiheit hier ein jähes Ende gefunden hatte?

"Es müßte noch jemand hier irgendwo liegen", sagte Pahl mit zitternder Stimme.

Dann erschien ein Kripobeamter an der ungeheuerlichen Fundstelle. Er ordnete an, das Skelett der Pathologie zu überstellen.

"Eine gescheiterte Republikflucht war das kaum", stellte der Kripobeamte fest. "Dem Menschen, der Größe nach vermutlich ein Mann, wurde der Schädel eingeschlagen. Das war nicht die übliche Methode bei Flüchtenden. Aber entscheidender ist die Tatsache, daß der vergraben wurde, und zwar diesseits des damaligen Zaunes, auf dem sogenannten Niemandsland, das aber zur damaligen DDR gehörte. Grenzer der damaligen DDR haben ihre Opfer nicht begraben. Falls die Leiche nicht schon älter ist, hat sich hier ein Grenzdrama anderer Art abgespielt."

Pahl schilderte dem Kripobeamten das, was ihm aus Erzählungen über die Flucht seines Vaters bekannt war.

Daraufhin ordnete der Kripobeamte eine großflächige Umgrabung des Geländes an. Eine zweite, vermutete Leiche wurde jedoch nicht entdeckt.

"Wie hieß der Freund Ihres Vaters?"

"Ernst Kaminski. Dieser Mann hatte eine reiche Tante in Braunschweig. Sie war damals schwer krank. Kaminski und mein Vater waren sehr gute Freunde. Er fühlte sich meinem Vater gegenüber verpflichtet, weil der durch irgendwelche Beziehungen es geschafft hatte, ihn aus Bautzen herauszuholen. Dadurch war mein Vater bei der Regierung in Mißkredit geraten. Kaminski schlug ihm die gemeinsame Flucht vor. Sie wollten nach Braunschweig. Dort wollte Kaminski die Tante beerben, danach wollten sie teilen. Schließlich sollte mein Vater alles versuchen, meine Mutter und mich hinterherzuholen."

"Es gibt ein großes Bekleidungsgeschäft mit dem Namen 'Kaminski' in Braunschweig. Aber das muß ja nicht sein. Erst einmal muß die Leiche genau untersucht werden, dann können wir mehr erfahren."

Pahl und seine Freundin waren längst in ihre Heimatstadt Halberstadt zurückgekehrt, als sie Tage später einen Brief bekamen, in dem sie alles Wichtige über die Leiche lesen konnten. Es handelte sich um einen ein Meter und dreiundachtzig großen Mann, dem im Alter von rund fünfunddreißig Jahren der Schädel mit einem spitzen Gegenstand eingeschlagen worden war. Die Leiche lag vermutlich dreißig Jahre in der Erde.

Die Tatzeit, die Größe des Toten und das Alter sprachen eine eindeutige Sprache. Auch erinnerte sich Pahl wieder daran, daß die Mutter ihm immer gesagt hatte, der Vater würde das Land, in dem Milch und Honig flössen, nur über die Berge erreichen. Demnach stimmte auch der Fluchtweg. Der Harz. Warum sie diesen Weg gewählt hatten, wußte er nicht. Er verstand es auch nicht.

Allem Anschein nach war der ausgegrabene Mann sein Vater. So wie es aussah, könnte der andere von den beiden, Kaminski, jedoch durchaus noch am Leben sein. Wenn es keine gescheiterte Flucht war, was sonst konnte hier geschehen sein? Sollte etwa Kaminski seinen Freund erschlagen haben, weil er ihn bis hierher gebraucht hatte, und nun das Erbe von seiner Tante nicht mehr teilen, sondern für sich allein haben wollte?

Der junge Pahl verstand die Welt nicht mehr. Das alles war so merkwürdig, daß er plötzlich eine innere Angst vor diesem Kaminski verspürte. Er betrachtete das Amulett und sagte zu sich selbst: "Vater, ich werde herauskriegen, wie alles war. Ich werde dafür sorgen, daß der Täter seine gerechte Strafe bekommt. Das ist das einzige, was ich für dich tun kann. Ich weiß, du hättest uns nicht vergessen. Du hättest uns in den Westen geholt. Aber du konntest es ja leider nicht mehr. Hier hat sie ein Ende gefunden, deine Geschichte. Sie ist jedoch erst dann richtig zu Ende, wenn wir wissen, wie sie zu Ende gegangen ist."

Fest entschlossen wollte Pahl das Verbrechen, das nun rund dreißig Jahre zurücklag, und das durch die veränderten historischen Umstände und einen dummen Zufall ans Licht gekommen war, aufklären. Er wollte den Mörder seines Vaters finden. Und er war überzeugt, daß dieser Kaminski, der sich als Freund seines Vaters ausgegeben hatte, dieser Mörder sein könnte.

Pahl nahm Urlaub und verließ seine Heimatstadt Halberstadt und fuhr nach Braunschweig. Dort wollte er seine detektivischen Arbeiten fortsetzen.

Ein regnerischer, kühler Spätsommertag brachte Pahl die Stadt, in die ihn eine vage Spur führte, näher. Pahl hatte sich in Braunschweig ein kleines Zimmer gemietet, das er für die Dauer seiner privaten Ermittlungen bewohnen wollte.

Nachdem er sich notdürftig eingerichtet hatte, steuerte er direkt auf das Bekleidungsgeschäft "Kaminski" zu. Dort erkundigte er sich unter Angabe erlogener Gründe nach dem Inhaber und erfuhr so, daß Kaminski der Erbe einer reichen Tante war und vor dreißig Jahren durch Flucht die damalige DDR verlassen hatte.

Nachdenklich wandte sich Pahl ab und geriet ins Grübeln. Es schien sich tatsächlich um den Freund seines Vaters zu handeln. Er mußte jedoch mit viel Geschick vorgehen, wenn er die Wahrheit über die damaligen Ereignisse in Erfahrung bringen wollte. Da beschloß er einen tollkühnen und hinterlistgen Plan. Pahl hatte schon von der Kassiererin erfahren, daß Kaminski eine zweiundzwanzigjährige Tochter hatte. Über sie plante er, sich an den Vater heranzumachen, der möglicherweise in der unmittelbaren Nähe des Todesstreifens vor dreißig Jahren zum Mörder geworden war.

Es wurde Abend, als Pahl das Privathaus Kaminskis gefunden hatte, um es zu observieren.

Nur eine kurze Zeit später verließ eine junge, blonde Frau mit hübscher Figur die Villa Kaminski, bestieg einen weißen Golf und fuhr davon. Pahl folgte ihr mit seinem Trabbi.

Durch ungünstige Ampelschaltungen konnte sie ihm nicht entkommen. Im Gegenteil. Er konnte sie überholen, weil sie im rechten Fahrstreifen hinter Rechtsabbiegern feststand, die Fußgänger durchlassen mußten.

Er setzte sich davor und beobachtete im Rückspiegel, wie sie weiterfuhr und sich ihm näherte. Als er sie nah genug glaubte, trat er vom Gaspedal mit voller Wucht aufs Bremspedal. Sekunden später krachte es. Sie war ihm hinten draufgefahren.

Beide sprangen aus dem Wagen, um den angerichteten Blech- und Plastikschaden zu begutachten.

"Tut mir leid. Ich hab' zu spät gesehen, daß Sie gebremst haben."

"Mir tut es leid. Ich darf doch nicht einfach bremsen, wenn ich eine Parklücke entdecke. Aber wir Ossis haben das Wessi-Verhalten im Verkehr noch nicht so ganz drauf."

"In jeder Beziehung? Oder nur beim Autoverkehr?"

"Ehrlich gesagt, da fehlen mir doch glatt die Vergleichsmöglichkeiten."

"Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir schieben Ihren Leukoplastbomber in die Lücke dort, fahren mit meinem Wagen nach Hause und reden mit meinem Vater über den Preis."

"Aber Sie haben doch keine Alleinschuld?"

"Sie ahnen nicht, wieviel Lumumba ich im Hals habe."

"Aber das ist doch nur Kakao!"

"K.O. - O.K.? Bitte fahren Sie meinen Golf."

"Kriegen Sie keinen Ärger mit Ihrem Vater?"

"Wegen Alkohol am Steuer? Bestimmt nicht. Er fährt zwar nur stocknüchtern, aber erst seitdem er keinen Lappen mehr hat."

Sie schoben den kaputten Trabbi in die Lücke, und er fuhr den verbeulten Golf mit ihr als Beifahrerin zu Kaminskis Villa.

"Bist du ein Ossi, so ein richtiger?" fragte sie während der Fahrt.

"Na, klar! Ich heiße Lars, und du?"

"Corinna! Wollte zu einer Party. Aber da wären eh nur langweilige Leute gewesen. Nun hab' ich endlich mal so einen richtigen Ossi kennengelernt, das ist doch viel interessanter. Magst du zu Hause Lumumba mit mir trinken?"

"Noch mehr? Du hast doch schon genug."

"Aber du noch nicht!"

Schließlich erreichten sie die Villa Kaminski. Sie stellten den Golf auf dem Hof ab und betraten das Haus. Der ältere Sohn Kaminskis war als einziger zu Hause. Die Mutter lag mit dem Blinddarm im Krankenhaus. Der Vater war zu einer Tagung nach Frankfurt geflogen.

"Bist du verrückt, betrunken Auto zu fahren?" fragte der Bruder.

"Jawohl, bin ich, Hasimausi! Wo ist Papa?"

"Zu einer Tagung, weißt du doch! Und wer ist das?"

"Das ist der Mann, mit dem ich einen Bums gemacht habe."

"Corinna!"

"Entschuldigung, Lars Pahl. Ich hatte den Unfall mit Ihrer Schwester."

"Bernd Kaminski. Bitte nehmen Sie Platz."

"Ja, setzt euch, vertragt euch, trinkt Brüderschaft miteinander. Ich hole uns Lumumba."

Lachend und singend ging sie in die Küche. Plötzlich kehrte sie zurück und fragte: "Hast du was dagegen, Bernd, wenn Lars heute hier übernachtet? Du kannst doch bleiben, Lars, oder?"

Verwundert sah er ihr in ihre vom Alkohol in die Abwesenheit verdrängten Augen und suchte, der peinlichen Szene zu entrinnen. Vergeblich. Da bejahte Pahl. Doch er entschuldigte sich sofort bei Corinnas Bruder und fragte nach einer Schlafgelegenheit unten auf einer Couch.

Der Bruder zeigte ihm eine Schlafgelegenheit und holte eine Decke. Daraufhin redete er scharf auf seine betrunkene Schwester ein, so daß diese umgehend und ohne weiteren Kommentar in ihrem Schlafzimmer verschwand.

Als Pahl am nächsten Morgen erwachte, lag er zunächst eine Weile auf der Couch unter der Decke. Dann nutzte er die Gelegenheit, sich unbeobachtet in Kaminskis Villa fühlend, die Wohnung ein wenig zu erkunden. Er hatte nicht damit gerechnet, so schnell in das Haus zu kommen und den Anschluß an diese Familie zu finden.

Doch hier wies nichts in die ostdeutsche Vergangenheit zurück. Alles, was Pahl sah, war westlicher Luxus.

Ein Geräusch aus der oberen Etage ließ ihn auf sein Sofa zurücklaufen. Er stellte sich schlafend, sah aber durch seine blinzelnden Augen Corinna den Raum betreten. Sie steuerte geradewegs auf ihn zu, setzte sich auf die Couch an seine Seite und strich ihm mit der Hand durchs Haar.

Pahl markierte den Erwachenden und sah sie fragend an.

"Hallo, mein kleiner Ossi, hast du gut geschlafen?" fragte sie ihn.

"Guten Morgen, Corinna. Ja, ich habe gut geschlafen."

"Ich habe uns Frühstück gemacht. Kommst du mit hoch?"

Nichts ahnend folgte er ihr nach oben. Neben ihrem Bett stand ein Tablett mit Tellern, Tassen, einer Kaffeekanne, zwei gekochten Eiern, Toast, Marmelade, Käse und Wurst.

"Und wo soll ich mich setzen?" fragte Pahl verwundert.

"Bitte sehr, dort!" Sie zeigte mit der rechten Hand auf das Bett.

Zögerlich begab er sich in das Bett, ohne sich zunächst darüber im klaren zu sein, ob er sich in ihm setzen oder legen sollte. Er entschied sich für den sogenannten Schneidersitz. Als er saß, sah er auf zu ihr und bemerkte überrascht, daß sie das Oberteil ihres Jogginganzuges ausgezogen hatte und ihm barbusig entgegenkam. Sie warf sich gegen ihn und brachte ihn zum Liegen. Ganz fest drückte sie ihren nackten Oberkörper gegen seinen und begann, ihn zu küssen.

In diesem Augenblick erst erkannte Pahl, daß Widerstand zwecklos gewesen wäre, und er ließ sich von ihren Gelüsten anstecken und verzaubern. Die Frau war jung, schön und voller Begierde. Warum also sollte er sie von der Bettkante stoßen?

So ging dem Frühstück ein sinnlich aufregendes Spiel voraus, und anschließend ließen sich beide Toast und Ei im Bett schmecken.

Während dieser Stunden verdrängte Pahl, weshalb er sich überhaupt an Corinna herangemacht hatte. Er genoß und schwieg. Sie verbrachten den ganzen Tag miteinander. Corinna zeigte ihm die Sehenswürdigkeiten von Braunschweig. Alles, was sie ihm zeigte, schien sie zu lieben, als gehörte es ihr allein. Ihre Fähigkeit, Dinge zu lieben, entsprang derselben Leichtfertigkeit, ihr völlig fremde Menschen zu lieben. Es schien ihm, als wäre sie ein Geschöpf, das einfach alles auf der Welt lieben mußte, das nicht anders konnte.

Dennoch kam sie ihm vor wie ein Kleinkind. Ihre Berührungen und Betastungen während des Liebesspiels mit ihm ähnelten denen eines Babys, das tastend und greifend Dinge und Menschen begreifen lernen will.

Ihre liebenswerte und positive Einstellung zu allen Dingen und zu den Menschen, ihr Umgang mit Alkohol und ihre Reaktion auf Mißgeschicke wie den Unfall, der sie überhaupt nicht zu tangieren schien, all das legte den Gedanken nahe, als wäre ihr imgrunde ihres Herzens alles und jeder gleichgültig. Es gab für sie nur diese eine Variante zu lieben, und eben das verlieh ihrer Liebe eine allgemeine Neutralität, ja es machte sie bedeutungslos.

Nun folgte wieder eine für sie typische Handlung. Sie liebte den Augenblick, genoß den Moment und dachte nicht mit einem Gedanken über die Folgen nach. Es war ein heißer Nachmittag.

Am Löwenwall sprudelte Wasser unaufhörlich in die Luft.

Corinna ließ seine Hand los, sprang angezogen in eines der beiden Becken, die sich rechts und links neben dem Obelisken am Löwenwall befinden, trat unter die Fontäne und nahm ein Duschbad im Freien. Lediglich ihre Sandalen hatte sie vorher ausgezogen. Sie lachte und schrie, als gehörte ihr die Welt, und diese Welt war eine Welt ohne Pflichten und Sorgen, eben nur eine Welt des gegenwärtigen Genusses.

Pahl hob ihre Sandaletten auf. Ihrer Aufforderung, ihr zu folgen, kam er nicht nach. Pudelnaß stieg sie aus dem Becken wieder heraus. In triefenden Kleidern warf sie sich ihrem Liebhaber um den Hals, und drückte ihn ganz fest an ihren durchnäßten Körper, so daß es ihn schauderte.

Sie ging mit ihm ins Textilwarengeschäft ihres Vaters, zog dort das nasse Hemd und die nasse Jeans aus, wühlte barbusig, nur im Slip bekleidet, zum Entsetzen von Kunden und Verkäuferinnnen zwischen den Hemden, zog sich ein neues über, lief zu den Hosen und bekleidete sich mit einer weißen Leggings aus Satin.

Sie drückte schließlich einer Verkäuferin die nassen Sachen in die Hand und sagte lakonisch: "Stellen Sie es meinem Vater in Rechnung."

Dann umarmte sie Pahl, dem der Schreck noch im Gesicht geschrieben stand, und verließ mit ihm, eng umschlungen, das Kaufhaus.

Zum erstenmal war der Ostdeutsche Lars Pahl mit der Verschwendungssucht jener Wegwerfgesellschaft und ihrer ungezwungenen Dreistigkeiten in Berührung gekommen, die nun wohl auch in seinem Land Einzug halten würde. Für ihn drückte sich alles Erlebte in einem einzigen Wort aus: Kapitalismus.

Bislang sollte er eine Gesellschaft verteidigen, die das verpöhnte. Nun war es genau anders herum gekommen. Aber sollte man wirklich von einem Menschen, der fast dreißig Jahre eingeimpft bekommen hatte, eben diesen Kapitalismus zu hassen, ernsthaft erwarten können, ihn plötzlich zu lieben?

Alles schien ihm suspekt. Es hatte den Hauch des Fremden und atmete ihm eine gewisse Orientierungslosigkeit ins Gesicht.

Mit dieser seltsamen Frau an der Hand schlenderte er durch die Stadt und war tief in Gedanken versunken. Plötzlich dachte er, daß der Pomp, in dem sie zu leben gewöhnt war, auch ihm hätte gegönnt sein sollen, wenn ihr Vater nicht seinen Vater erschlagen, und sich so um seinen Anteil bereichert hätte.

Durch den hinterhältigen Mord im Grenzland war Pahl zu einem bescheidenen, unfreien Leben hinter Stacheldraht gezwungen. Corinna hatte durch ihn ein unbeschwertes, sorgenfreies Kapitalistendasein führen können. Eigentlich müßte er sich seinen Anteil einfach holen, dachte er bei sich. Warum eigentlich nicht? Er stand ihm doch zu.

Nachmittags landeten die beiden wieder im Bett. Da fragte Lars Corinna: "Liebst du deinen Vater? Wie ist er so?"

"Wie Väter eben sind. Er verurteilt meine Leichtfertigkeit, mit Geld und Männern umzugehen. Kinder haben schließlich für die Besitzstandswahrung aufzukommen, die er erarbeitet hat. Dabei hat er die Grundausstattung für alles geerbt. Er war früher auch ein Ossi. Aber er kam rechtzeitig rüber. Hatte drüben ja niemand. Ich liebe ihn, weil er mein Vater ist. Fertig."

"Er war drüben nicht allein. Er hatte einen Freund. Das war mein Vater. Sie wollten beide abhauen und meine Mutter und mich später rüberholen."

"Was?"

"Ich habe dich absichtlich auf meinen Trabbi auffahren lassen. Ich will deinen Vater kennenlernen. Ich möchte von ihm wissen, wie mein Vater damals umkam."

"Ach so. Kann ich verstehen. Haben sie ihn bei der Flucht damals niedergemacht?"

"Könntest du dir vorstellen, daß es anders war?"

"Wie anders?"

"Ich weiß auch nicht."

Plötzlich zweifelte er an seinem ganzen Unterfangen. Er wußte nicht mehr so genau, was er eigentlich wollte. Konnte er wirklich nach dreißig Jahren kommen, und einen mysteriösen Tod aufklären, den er für Mord hielt?

Gemeinsam schliefen sie ein. Sie erwachten durch das Geräusch der Haustür. Corinna zuckte und sagte: "Das wird Vater sein. Laß uns etwas anziehen."

Die beiden stiegen aus dem Bett, zogen sich an und gingen dem Vater Kaminski entgegen. Der weißgraue Herr mit mächtigem Wohlstandsbauch hängte sein Jackett auf den Bügel, als er seine Tochter und den Gast bemerkte.

"Hallo, Vater. Wir haben Besuch. Darf ich dir einen Freund vorstellen?"

Kaminsiki sah den jungen Mann an und sagte entschlossen: "Ja. Sehr gerne."

"Das ist Lars Pahl aus dem Ossiland."

Erschrocken räusperte sich der Mann. Sprachlos suchte er danach, seine Fassung zu behalten.

"Sie kennen mich. Genauer gesagt kennen Sie meinen Vater."

"Ich kannte einen Rudolf Pahl, das ist richtig. Ihr Vater war ein sehr guter Freund. Wir sind gemeinsam in den Westen geflüchtet. Aber er erreichte die Freiheit nicht. Ich lief um mein Leben und mußte ihn bedauerlicherweise im Kugelhagel allein zurücklassen. Ich hatte keine Wahl. Sie haben ihn erschossen. Es tut mir leid. Wenn ich irgend etwas für Sie tun kann, ich werde Ihnen helfen, wo immer es möglich ist, junger Freund. Wie geht es Ihrer Frau Mutter?"

"Sie starb vor einem Jahr. Den Westen bekam sie nicht mehr zu Gesicht."

"Ach, sie starb. Das tut mir nochmals sehr leid für Sie. Also, ich helfe Ihnen gerne."

"Dann kauf ihm erst einmal ein vernünftiges Auto. Seinen Trabbi hab' ich ihm nämlich kaputtgefahren."

"Warst du wieder betrunken, Corinna?"

"Das auch. Aber er sagt, das hat er mit Absicht gemacht."

"Das geht dann auch in Ordnung."

Pahl sagte: "Zeigen Sie mir die Stelle, wo es damals passierte?"

"Verlangen Sie das wirklich von mir?"

"Ich will alles über den Tod meines Vaters wissen."

Erst jetzt fielen Kaminskis Blicke auf das Amulett, das zwischen dem Hemd auf Pahls Brust sichtbar schimmerte. Seine Augen glühten vor Entsetzen, aber auch diesmal behielt er die innere Fassung.

"Zeigst du's ihm nun, Vater? Du hast versprochen, ihm zu helfen. Ich habe meine Auffahrschuld schon anders abgegolten."

Doch jetzt verlor Kaminski die Beherrschung.

"Hast du mit ihm geschlafen?" schrie er Corinna an. Er lief auf sie zu, packte sie an den Armen und schrie erneut: "Hast du?"

"Ja. Na und? Laß mich los."

Schnell wendete er sich zu Pahl und sagte: "Ich gebe Ihnen einen Scheck über fünfzigtausend, nein, Moment, über hunderttausend Mark. Das bin ich Ihrem Vater schuldig. Doch dann verschwinden Sie bitte. Ich will nicht, daß die ganze Vergangenheit wieder aufgewühlt wird. Hunderttausend - und Sie verschwinden ein für alle Mal. Und bitte, rühren Sie meine Tochter nicht wieder an."

Er verstand Kaminskis Sorge um seine Tochter nicht. Auch wunderte er sich sehr darüber, daß der Mann ihn so schnell loswerden wollte und so bereitwillig hunderttausend Mark zahlte.

Kaminski schrieb einen Scheck aus, gab ihn Pahl und sagte: "Wir sind quitt."

Pahl hielt den Scheck in der Hand. Kaminski starrte auf Pahls Hals, um den das Amulett gebunden war. Das war es gewesen, was ihn so aus der Fassung gebracht haben mußte.

Pahl war sich jetzt ganz sicher. Kaminski war der Mörder seines Vaters. Der Scheck, den er in der Hand hielt, war Schweigegeld. Er nahm ihn an sich und verließ wortlos die Villa.

Am nächsten Morgen betrat Pahl das Polizeipräsidium und fragte sich zur Mordkommission durch. Er wurde in das Büro von Kommissar Kreutz geführt, dem er sich vorstellte und seine ganze Geschichte erzählte.

"Eine recht abenteuerliche Geschichte, die Sie mir da erzählen. Allerdings kann ich doch nicht aufgrund vager Indizien gegen einen so angesehenen Herrn wie Kaminski wegen Mordes ermitteln", wandte Kreutz ein.

"Weil es ein angesehener Herr ist, deshalb können Sie nicht gegen ihn ermitteln! Und warum ist er ein angesehener Herr? Weil er Geld hat. Also bestimmt doch der Preis bei Ihnen den Wert eines Menschen. Hatten unsere Kommunisten damit so unrecht? Verfolgt man sie heute deshalb? Aber es wird ja seit der Vereinigung nur noch vom Prinzip der Rechtsstaatlichkeit gesprochen. Verfallene Häuser sind nicht das äußere sichtbare Zeichen für den inneren Verfall des Kommunismus. Er scheiterte an der Unfähigkeit des Menschen, das gemeinschaftliche Wohlergehen dem eigenen überzuordnen. Daß Sie nur Ihre Rechtsstaatlichkeit nach außen kehren, beweist, daß Sie sich mit dem Kommunismus in seiner letzten Konsequenz noch immer nicht auseinandergesetzt haben. Sie haben ihn seit über einem Jahrhundert lediglich verdrängt oder gewaltsam ausgegrenzt.

Ist das Rechtsstaatlichkeit, gegen Leute, die Geld haben, nicht ermitteln zu können? Bei uns gab es keinen Rechtsstaat. Aber worin besteht der Unterschied? Daß man sich Rechtsstaat nennt und die Großen glimpflich davonkommen läßt, während man die Kleinen verfolgt, oder daß man Unrechtsstaat ist und die Großen bekämpft, und den Kleinen hilft?"

"Nun mal ganz langsam, junger Mann! Wollen Sie mit mir eine philosophische oder politische Diskussion führen? Wollen Sie eine letzte Lanze für die PDS brechen? Oder was wollen Sie?"

"Recht will ich. Recht heißt für mich, Mörder zu bestrafen, egal wie groß Ihr Geldbeutel ist."

"Das heißt es für mich auch. Rechtsstaat heißt aber eben auch, keine derartige Schwarz-Weißmalerei zu betreiben, wie es Ihnen in Ihrem damaligen Land eingebleut worden ist. Genau darum geht es nämlich, zu differenzieren. Das machen Diktatoren bekanntlich nie. Hier ist gut und da ist böse. Dazwischen ziehen wir einfach 'ne Grenze. Im übrigen sollten Sie sich mal näher mit dem Prinzip der Gewaltenteilung beschäftigen. Die Justiz und die Exekutive sind bei uns nämlich zweierlei.

Daß der Kommunismus eine schöne Utopie ist, die aufgrund des menschlichen Ego keine Wirklichkeit werden kann, sehe ich ähnlich. Andererseits - muß die große Gemeinschaft, in der alle gleich sein sollen, eigentlich ein erstrebenswertes, hochzuhaltendes Ziel sein? Ich denke, daß auch endlich einmal wieder die Unterschiedlichkeit der Menschen in Anspruch und Wirklichkeit im Mittelpunkt stehen sollte, daß die Familie oder der Individualismus, die Entfaltung des einzelnen mehr wert ist, als der schwammige Begriff einer dubiosen Gesellschaft.

Wenn es einem Staat gelingt, das Ego des Menschen zu befriedigen, steht dieser Mensch auch bedingt für den Mitmenschen und für den Staat ein. Wenn ein Staat nur von kollektiver Gemeinschaft redet und das Ego auf der Strecke bleiben läßt, muß er Stacheldrähte ziehen, damit ihm die Menschen nicht davonlaufen."

"Ich sehe, daß Sie sich doch recht intensiv mit dem Kommunismus auseinandergesetzt haben. Bitte entschuldigen Sie, aber Sie wissen, daß Glaube zuweilen Berge versetzen kann, und ich habe an den Kommunismus geglaubt. Das neue Deutschland ist für mich so etwas wie für einen Christen eine Welt ohne Gott."

"Ich verstehe, der Überbau fehlt. Aber Sie werden sich schon zurechtfinden. Versuchen Sie doch einfach, bei der Einrichtung in diesem neuen Deutschland so viele Ihrer Ideale wie irgend möglich in jene Realität einzubeziehen, in die Sie jetzt geworfen worden sind. Verzichten Sie nur auf den Ismus, den Alleingültigkeitsanspruch einer bestimmten Lehre.

Aber nun vielleicht doch einmal zu Ihrer Geschichte. Wenn Kaminski ein Mörder sein sollte, helfen ihm weder sein Geld noch sein guter Ruf. Schuldig ist jemand aber erst, wenn er verurteilt worden ist. Solange muß er ein gleichberechtigtes Glied unserer Gesellschaft sein, was die Behandlung ihm gegenüber angeht. Das heißt, wir dürfen ihn nicht behandeln wie einen Mörder. Es liegen zunächst nur Verdachtsmomente vor. Die reichen bei weitem nicht aus. Das meinte ich mit Differenzierung. Schließlich können Sie sich irren. Das würde bedeuten, Sie verteufeln einen Unschudigen. Genau das will ich verhindern. Und es ist nun einmal so, daß nicht er seine Unschuld, sondern wir ihm seine Schuld beweisen müssen."

"Also, helfen Sie mir, ihm seine Schuld zu beweisen? Er ist der Mörder meines Vaters."

"Ich rufe zunächst in der Gerichtsmedizin an, in die die gefundene Leiche gebracht wurde."

Kreutz bat Pahl solange hinaus. Zwanzig Minuten später rief er ihn wieder herein, um ihm folgendes mitzuteilen: "Herr Pahl! Der Mann kam vor dreißig Jahren ums Leben. Eine Schädelfraktur läßt auf den Einschlag eines spitzen Gegenstandes schließen. Absplitterungen im Bereich der Rippen in Herznähe lassen auf eine Schußverletzung schließen. Der Mann kann also erschossen oder angeschossen worden sein und dann mit dem Kopf auf einen spitzen Gegenstand gefallen sein."

"Aber er wurde auf westlichem Gebiet verscharrt."

"Nicht auf westlichem. Auf östlichem gleich hinter der Grenzbefestigungsanlage. Das ist ungewöhlich, gewiß."

"Und der Scheck? Die hunderttausend Mark?"

"Herr Kaminski fühlt sich Ihnen gegenüber wegen seiner Freundschaft zu Ihrem verstorbenen Vater verpflichtet. Er will nicht mehr an jene schrecklichen Dinge von damals erinnert werden. So schwer verständlich?"

"Sie sind ein Zweifler vor dem Herrn."

"Für meine Zweifel werde ich bezahlt. Aber ich will noch etwas zu Ihrer Beruhigung tun. Ich rufe die Erfassungsstelle in Salzgitter an und lasse überprüfen, ob zur fraglichen Zeit Unterlagen über einen mißglückten Fluchtversuch vorliegen. Es dauert aber eine Weile, bis wir die Antwort bekommen."

Pahl bedankte sich zunächst und ging ziemlich enttäuscht davon. Er fuhr mit einem Taxi zu Kaminskis Villa, um Corinna wiederzusehen. Warum hatte Kaminski so heftig auf das Zusammensein zwischen ihm und seiner Tochter reagiert? Das war der nächste Punkt, den er herausfinden wollte. Außerdem wollte er wissen, inwieweit sich Corinna durch ihren Vater beeinflussen ließ.

Lars Pahl betrat das Haus, nachdem ihm Corinna geöffnet hatte. Der Vater war nicht anwesend. Sie lief auf ihn zu, umarmte und küßte ihn.

"Aber dein Vater hat dir doch ..."

"Mein Vater. Hat er mir noch etwas zu verbieten? Bin ich erwachsen oder nicht?"

"Warum hat er mir soviel Geld gegeben?"

"So viel. Du bist aber wirklich noch ein Ossi. Über hunderttausend lacht der sich doch tot."

"Meinst du?" stutzte Pahl und überlegte, ob er nicht noch mehr Geld herausholen könnte. Aber er war doch kein Erpresser. Er wollte die Wahrheit herausfinden. Allerdings verlockte die Möglichkeit, viel Geld mit einem Schlage bekommen zu können. Pahl hatte zwar den Kapitalismus hassen gelernt, aber die Möglichkeit, bequem in den Besitz von viel Geld gelangen zu können, faszinierte den gelernten Kommunisten wie jeden anderen auch.

Zunächst war er sich unschlüssig, und die beiden verließen die Villa, als sie den Vater mit dem Auto vorfahren sahen.

Pahl stockte der Atem. Schnell ließ er Corinnas Hand los, doch Kaminski hatte längst registriert, daß Pahl seiner Tochter noch immer nachstellte, obwohl die Initiative ursprünglich von ihr ausgegangen war.

Er ging auf die beiden zu und sagte zu Pahl: "Sie halten sich nicht an die Abmachungen."

"Welche Abmachungen? Ich denke, daß ich den Scheck ohne Gegenleistungen behalten werde. Das waren Sie meinem Vater schuldig. Was Corinna und ich machen, geht Sie einen Dreck an."

Kaminsiki holte tief Luft. Corinna und Lars gingen an ihm vorüber und ließen ihn wutaufgeblasen mitten in seinem paradiesischen Garten stehen.

Abends verließ Kaminski die Villa und fuhr in die City. Er stellte den Wagen ab und verschwand zu Fuß im Rotlichtbezirk. In der "Brustwarze", einem einschlägigen Zuhälterlokal, kehrte er ein und bestellte sich ein Bier.

"Du hier, Kaminski?" fragte der Wirt.

"Heinz, du mußt mir aus einer großen Verlegenheit heraushelfen. Kannst du mir so etwas wie einen Killer besorgen?"

"Halt's Maul! Trink in Ruhe dein Bier und warte ab."

Eine Viertelstunde später stellte sich ein junger Mann mit einer Sonnenbrille neben Kaminski und sagte:

"Sie wollten mich zum Bier einladen?"

Kaminski sah ihn an und bestellte für ihn ein Bier.

"Wo hätten Sie denn gerne ´Killern´ lassen?" fragte er, bevor er trank.

"Kommen Sie mit."

Die beiden Männer verließen das Lokal. Kaminski erzählte dem zwielichtigen Typen von Lars Pahl, beschrieb sein Aussehen und nannte ihm weitere Modalitäten und bezahlte fünfzigtausend Mark im voraus.

"Wenn der Mann tot ist, weitere fünfzigtausend. Schlampen Sie, sind Sie so gut wie tot. Gute Nacht."

Dann trennten sich die Männer und verschwanden im Dunkel der Nacht.

Der Killer observierte fortan die Villa Kaminski und sah dort sein Opfer ein und ausgehen, meistens in Begleitung von Corinna.

Wenige Tage danach betraten Pahl und Corinna das Hotelzimmer von ihm und plauderten bei einer Tasse Tee.

Der von Kaminski engagierte Killer war ihnen bis vors Hotel unmerklich gefolgt.

"Corinna", sagte Pahl, "hälst du es für möglich, daß dein Vater einen Menschen umbringen könnte?"

"Was?"

"Der Mord bei der Flucht! Könnte doch sein, daß dein Vater meinen Vater ermordet hat. Wäre das so undenkbar?"

"Du mußt verrückt sein, Lars."

Da klopfte es an der Tür. Pahl öffnete und bekam sofort einen Stoß, so daß er zur Seite flog. Der Killer trat mit gezogener Waffe ein. Corinna schrie.

"Keinen Ton. Euch passiert nichts. Pahl, schließ die Tür ab. Und du, wähle die Nummer von deinem Alten."

Sie tat, was er befahl. Der Killer nahm ihr den Hörer aus der Hand, und als sich am anderen Ende der Leitung Kaminski meldete, sagte der Killer: "Kaminski, wenn Sie Ihre Tochter lebend wiedersehen wollen, dann bringen Sie in der nächsten Stunde fünfzigtausend Mark ins Hotel Bel ami. Sag was", richtete er sein Wort an Corinna, gab ihr den Hörer in die Hand, und sie schrie: "Vater, hilf mir!" Dann drückte der Killer auf die Gabel, legte den Hörer auf und setzte sich. Dabei hielt er die beiden in Schach.

"Und nun zum gemütlichen Teil", sagte er, "setzt euch hin, in einer Stunde wird alles vorbei sein. Euch passiert nichts, der Alte zahlt."

"Er wird die Polizei holen", warf Pahl ein.

"Wird er nicht. Keine Sorge. Das kann er sich überhaupt nicht leisten."

"Woher wissen Sie, wer ich bin?" fragte Corinna.

Doch der Mann sagte nichts mehr, bis es nach einer halben Stunde an der Tür klopfte

"Herein, Kaminski!"

Kaminski trat ein und sah entsetzt auf den Killer. Der sagte gelassen:

"Ich hab's mir anders überlegt. Wollte das Geld ein bißchen einfacher verdienen. Es geht doch! Legen Sie es hin."

"Einen Scheck, kein Bares."

"Auch gut. Aber stellst du mir nach oder machst Schwierigkeiten irgendwelcher Art, laß ich dich hochgehen, klar?"

"Keine Schwierigkeiten, hier haben Sie den Scheck. Er ist gedeckt. Sie können sich darauf verlassen. Und jetzt verschwinden Sie!"

Der Killer nahm den Scheck und verschwand.

"Was hat das zu bedeuten, Vater? Du gehst ja mit dem Mann um, als würdest du ihn kennen. Und warum will er dich hochgehen lassen? Woher wußtest du, daß wir in diesem Zimmer sind? Würdest du mir das vielleicht mal erklären?"

"Da gibt es nichts zu erklären!" schrie Kaminski und verließ das fluchtartig Hotelzimmer.

Pahl sagte eiskalt: "Das war ein Killer. Den hat er engagiert. Aber der Killer hat ihn übers Ohr gehauen."

"Ein Killer?" - "Den dein Vater bestellt hat, um mich töten zu lassen. Er ist der Mörder meines Vaters."

Corinna begann, bitterlich zu weinen. Pahl sagte dazu ernüchtert:

"Tut mir leid. Aber ich kann dir nun nicht mehr helfen. Ich werde zur Polizei gehen und ihn anzeigen müssen. Bitte geh' jetzt, Corinna. Geh!"

"Aber du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen, Lars!"

"Ich habe zu Hause eine Freundin. Wenn das hier alles vorbei ist, will ich zurück in mein Land."

"Mein Land, dein Land. Das ist doch nun Gott sei Dank alles unser Land."

"Es ist euer Land, das für uns das unerreichbare Paradies war. Was nützt das Paradies, wenn in ihm die Menschen zu Mördern werden, weil sie nicht genug kriegen können. Ja, unser Land, unsere Welt, eine Scheißwelt."

Enttäuscht verließ Corinna das Hotelzimmer. Pahl griff zum Telefon und rief Kommissar Kreutz an. Er erzählte ihm, was vorgefallen war. Daraufhin suchte Kreutz Pahl sofort in dessen Hotelzimmer auf.

"Das verändert die Sachlage natürlich. Aber es wird trotzdem schwer werden, Kaminski den vermuteten Zusammenhang zu beweisen. Könnten Sie mit mir mitkommen und das Gesicht des mutmaßlichen Killers beschreiben, daß wir es in unseren Computer eingeben können? Außerdem ist es möglich, daß der Killer registriert ist, daß wir sein Paßfoto haben. Häufig sind diese Leute Vorbestrafte."

Die beiden fuhren ins Polizeipräsidium, und Kreutz holte den entsprechenden Aktenordner, in dem die Lausbuben Braunschweigs mit Foto festgehalten waren. Schon auf der ersten Seite entdeckten sie den Killer.

"Ach du liebes Lieschen, Honka. Saß wegen schwerer Körperverletzung in mehreren Fällen, ein bißchen Rauschgift und Zuhälterei."

Kreutz telefonierte. Honka wurde wenige Minuten später in der "Brustwarze" völlig betrunken festgenommen. Eine Stunde darauf saß er bei Kreutz im Büro.

"Ich weiß gar nicht, was Sie wollen. Ich hab' keiner Fliege etwas zuleide getan, niemanden bedroht. Ich habe nur so getan als ob, für Kaminski, das wird dieser Herr da bezeugen. Sie sollten mir dankbar sein. Ich habe sogar ein gutes Werk getan. Dem da habe ich nämlich das Leben gerettet. Fürs gleiche Geld zwar, als wenn ich ihn umgebracht hätte, aber das macht ja auch nichts."

"Sie sollten den Mann also ermorden. Warum? Gab Kaminski den Auftrag?"

"Klar! Der war ihm nicht gut genug für seine Tochter. Hochwohlgeborene Punzen haben etwas Besseres verdient als einen Durchschnittspimmel."

"Danke, das reicht. Führen Sie den Mann ab. Erst mal eine Ausnüchterungszelle."

Als ein Streifenbeamter ihn hinausgeführt hatte, drückte Kreutz auf die Stoptaste seines Rekorders und sagte: "Da haben wir den Beweis. Nun glaube ich allerdings auch nicht mehr an eine gescheiterte Republikflucht. Ich besorge einen Haftbefehl. Dann sollten wir eilends zu Kaminski fahren."

Noch in derselben Nacht wurde der Textilunternehmer Ernst Kaminski festgenommen. Er leistete keinerlei Widerstand.

In den frühen Morgenstunden jenes Spätsommertages sollte ein Geheimnis gelüftet werden, das durch die historischen Umwälzungen in Deutschland bloßgelegt worden war.

Pahl durfte bei der Vernehmung nicht anwesend sein. Kommissar Kreutz hatte ihm allerdings zugesichert, daß er hereinkommen dürfte, wenn es um seinen Vater ginge.

Kreutz spielte Kaminski zunächst die Tonbandaufnahme mit dem Geständnis des Killers vor. Dann sah er ihn wortlos an.

Kaminski vergrub sein übermüdetes Gesicht in seinen Händen, atmete tief durch und sagte: "Sie hat mich eingeholt."

"Wer?" fragte Kreutz irritiert.

"Die Vergangenheit. Vergangenheit hält man immer für etwas bereits Abgeschlossenes, von dem man sich Jahr für Jahr mehr entfernt. Man glaubt sie weit zurück und sieht alle Brücken zu ihr hinter sich abbrechen. Und mit jedem Abbruch einer solchen Brücke fühlt man sich ein kleines Stück sicherer.

Doch die Vergangenheit ist nicht tot. Sie erweckt nur den Anschein, als sei sie tot. Aber sie lebt und arbeitet sich voran. Vergangenheit ist ein Prozeß, der sich der Gegenwart bedient, um in die Zukunft zu weisen. Ja, sie hat mich eingeholt.

Was haben wir beide damals an dieser verfluchten Grenze für Ängste ausgestanden! Wir hielten sie für unüberwindbar. Doch dann hatten wir es plötzlich geschafft. Wir hatten die letzte Hürde genommen. Wer das Unüberwindliche überwindet, hält sich für unüberwindlich. Er wächst. Aber da fiel ein Schuß, der meinen Freund traf. Seine Verwundung war nicht schlimm. Plötzlich dachte ich bei mir, wäre er nun tödlich getroffen, könntest du alles bei der Tante absahnen. Doch er lebte.

Wir waren vor den schießenden Grenzern ins Gebüsch geflohen. Als wieder Ruhe eingekehrt war, nahm ich einen Stein und schlug ihm damit kräftig auf den Hinterkopf.

In der Not braucht man Freunde. Ist aber die Not vorüber, dann ist sich jeder selbst der Nächste. Sofort begriff ich, daß wir im Land des Kapitalismus gelandet waren. Die Umwelt prägt den Menschen. Mit der Überwindung der Grenze hatten wir eine neue Umwelt, die uns umgab, erreicht. Wer Grenzen überwindet, muß auch sich selbst überwinden können, sonst geht er gnadenlos unter.

Ich hatte nicht den Boden der Freiheit gewählt, sondern den Boden des knallharten Überlebenskampfes. Den Kampf ums Dasein hatten uns die Kommunisten drüben genommen. Man konnte leben, ohne zu atmen. Ja, man wurde beatmet. Wer aber selber atmen wollte, der erstickte. Hier mußte man selber atmen, und wer es nicht tat, der wurde erstickt. Das ist der Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus gewesen. Bis in die letzte Konsequenz konnte ich mich darauf einstellen und vom ersten Tage an mit dem neuen System arrangieren."

"Wenn man den Kapitalismus so mißversteht wie Sie, muß man wohl erst zum Mörder werden, um in ihm oder mit ihm leben zu können. Warum haben Sie Pahls Vater unmittelbar vor dem Todesstreifen begraben?"

"Ich konnte die Leiche ja nicht über den Zaun zurückwerfen. Da habe ich sie eingebuddelt. Das war das Grab für die Ewigkeit, so meinte ich jedenfalls. Doch nichts ist ewig.

Als dort der Todesstreifen war, hätte wohl niemals wieder auf dem sogenannten Niemandsland jemand ein Loch gegraben, und dort eine Leiche gefunden. Sie haben doch eine Leiche gefunden, nicht? Sie haben ja auch das Amulett gefunden. Und weshalb? Weil die Grenze fiel. Damit habe ich zu meinen Lebzeiten allerdings nicht mehr gerechnet. Ich dachte, die Grenze wäre das Grabmal für die Ewigkeit."

"Das war sie wohl auch. Nur, daß die Grenze nicht für die Ewigkeit bestimmt war. Warum wollten Sie den jungen Pahl aus dem Weg räumen?"

"Ich wollte nicht wahrhaben, daß die Vergangenheit mich eingeholt hatte. Von dem Irrglauben besessen, ihr doch noch entwischen zu können, glaubte ich an die Möglichkeit eines zweiten perfekten Mordes. Daß ich reingelegt wurde von diesem Killer, konnte ich nicht ahnen. Ebenfalls war nicht vorauszusehen, daß er reden würde und alles wie eine Seifenblase zerplatzen ließe. Der Kapitalismus hat einen schlechten Menschen aus mir gemacht. Er hat ja auch keine Moral."

"Das ist wohl richtig. Aber das Schlechte steckte schon vorher in Ihnen. Der Kapitalismus war nur die Gelegenheit, die Diebe oder Mörder machte, eine Gelegenheit, die Ihnen der Kommunismus noch nicht geboten hatte. Jedenfalls bis dato. Ich halte es für äußerst primitiv, die eigenen Unzulänglichkeiten dem Kapitalismus zuzuschreiben, und dann auch noch in dieser undifferenzierten Form."

"Wir haben eine verbotene Grenze übertreten. Als ich merkte, daß es mich weniger Mut gekostet hatte, als ich annahm, hatte ich Reserven genug, noch eine weitere verbotene Genze zu übertreten. Ich erschlug den Freund. Ist Lars Pahl draußen?"

"Er sitzt auf dem Flur."

"Holen Sie ihn bitte herein!"

Der Kommissar erhob sich, ging zur Tür, öffnete sie und bat Pahl hereinzukommen. Kreutz sah ihn an und sagte: "Er hat alles gestanden. Es war genauso, wie Sie es sich schon gedacht hatten."

Pahl trat Kaminski gegenüber und sah ihm tief in die Augen.

"Du Schwein hast meinen Vater umgebracht."

"Nein", antwortete dieser. "Ich bin dein Vater und habe Kaminski umgebracht."

"Was?" rief Pahl entsetzt aus.

"Seit dem Mord hatte ich die Identität von Kaminski angenommen, mein Amulett ihm mit ins Grab gegeben, falls es doch jemals einer finden sollte. Ich habe alles alleine haben wollen. Dich und deine Mutter wollte ich los sein. Ihr wart der berühmte Klotz am Bein. Ich war sicher vor euch, weil euch die Kommunisten gefangen hielten. In der neuen Welt begann ich ein neues Leben mit einer neuen Identität. Niemand würde es merken. Flüchtlinge von drüben genossen Sonderrechte und hatten alle Vollmachten. Ja, ich war euch los, Kaminski los, konnte unter seinem Namen das Erbe antreten, unter seinem Namen völlig neu anfangen, reich und mit einer Familie glücklich werden. Ich liebe meine jetzige Familie."

Völlig versteinert stand Lars Pahl vor seinem Vater. Vor lauter Entsetzen hatte er nur einen einzigen Gedanken in diesem Moment: "Aber dann habe ich ja mit meiner eigenen Schwester geschlafen ...!"

"Sehr richtig. Deshalb wollte ich die Beziehung um jeden Preis unterbinden. Als es nicht gelang, sah ich keine andere Möglichkeit, als dich durch einen Killer aus dem Weg räumen zu lassen. Ich konnte doch nicht mit ansehen, wie mein Sohn und meine Tochter ein Liebespaar wurden."

Tränen liefen Lars übers Gesicht. Wie sehr hatte er sich gewünscht, seinen Vater vielleicht doch noch lebend anzutreffen, ihm gegenübertreten und ihn in die Arme nehmen zu können. Immer hatte er seinen Vater für einen guten Menschen gehalten. Nun war, nach der DDR, die nächste Welt für ihn vor seinen Augen zerbrochen. Mit einem Zittern in der Stimme und Tränen in den Augen flüsterte der Sohn zu seinem Vater immer nur die Worte: "Vater! Vater! Vater ..."

Der erhob sich von seinem Stuhl und sagte forsch und bestimmend:

"Um jeden Preis wolltest du die Wahrheit über deinen Vater wissen. Du warst Manns genug, sie ans Tageslicht zu bringen, nun mußt du auch Manns genug sein, sie zu ertragen."