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©opyright: Dirk Rühmann, 38126 Braunschweig, Costiverlag mehr als 100 Kriminalromane aus der Region Braunschweig sowie Informationen über die Stadt und Umgebung auf www.bs-krimi.de Namen, Personen und Handlung dieser Kriminalgeschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen wäre zufällig und unbeabsichtigt. Gelegenheit macht
Mörder 1 Mona Mehlhorn drehte den Schlüssel im Zündschloss ihres roten Peugeot herum, nachdem sie ihn gekonnt in eine Parklücke jongliert hatte. Der Motor stand still. Auch Mona versuchte nun, nach langer Autofahrt abzuschalten und zur Ruhe zu finden. Sie atmete tief durch. Geschafft! Die elegant gekleidete Frau von Mitte vierzig stieg aus ihrem Auto aus, entnahm ihm ein braunes Köfferchen und schritt quer über den Parkplatz im Innenhof zur Eingangstür des Hotels, in dem sie ein Doppelzimmer gebucht hatte. An der Rezeption des Hotels empfing sie lächelnd eine junge Dame mit den Worten: "Schon wieder das erste Wochenende eines neuen Monats?" "Die Zeit vergeht. Manchmal kommt es mir auch so vor, als wäre ich erst gestern hier gewesen. Aber es müssen ja wohl vier Wochen gewesen sein." "Kommt Herr Philipps auch wieder?" erkundigte sich die Frau des Hotelfachs. "Selbstverständlich. Sie können uns schon eine Flasche Sekt kaltstellen", lächelte Mona und ließ sich den Zimmerschlüssel aushändigen. "Oh, diesmal gar nicht die 103", zeigte sie sich verwundert. "An diesem Wochenende findet eine Tagung in Braunschweig statt. Irgendein Ärztekongress. Wir sind komplett ausgebucht. Sie müssten ausnahmsweise mit der 109 Vorlieb nehmen. Die Suite ist auch etwas preiswerter." "Kein Problem." Mona Mehlhorn ging zum Lift hinüber und wartete geduldig. Schließlich öffneten sich die silbernen Türen. Zwei junge Männer standen mit dem Rücken zu der sich öffnenden Tür. Einer von ihnen blickte kurz über seine Schulter. Der andere dreht sich um. Dann kamen sie hintereinander aus dem Fahrstuhl heraus. Der vordere Mann ging rückwärts, der hintere vorwärts. Sie schienen etwas Schweres zu tragen. Als sie an Mona vorbeigingen, erblickte diese leicht ergriffen das, was die beiden Männer aus dem Lift heraustrugen. Es handelte sich um den Körper eines Kindes mit kakaofarbener Haut. Doch der schwarzhaarige Junge schien weder Arme noch Beine zu haben. Er sah Mona mit seinen großen tiefbraunen Augen angsterfüllt an. Gebannt starrte sie dem Jungen hinterher, der wie ein Sack Kartoffeln, von zwei jungen Männern fortgetragen wurde. Die Hilflosigkeit des Jungen übte einen bann aus. Wie angewurzelt stand Mona da. Ihre Blicke konnten nicht von diesem Kind lassen. Wortlos starrte er Mona an, bis er von den Männern aus der Tür des Hotels herausgeschleppt wurde. Eine Begegnung hatte stattgefunden, auf die Mona nicht vorbereitet gewesen war. Die blicke dieses hilflosen Jungen hatten eine innere Betroffenheit ausgelöst. Es kam der Frau vor, als habe er ihr etwas sagen wollen. Niemand sonst in diesem Hotel schien Notiz von den drei Gestalten genommen zu haben. Scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht waren sie auch dorthin wieder verschwunden. Mona betrat den Fahrstuhl und drückte auf einen Knopf. Die Türen schlossen sich und die Frau mittleren Alters wurde nach oben befördert. Gedankenversunken ging sie über einen langen Flur, an dessen Ende sich ihr Zimmer befand. Wie einer inneren Eingebung folgend schob sie die Gardine eines Fensters auf dem Flur beiseite. Sie erblickte den Parkplatz im Innenhof des Hotels. Da sah sie noch einmal die beiden Männer mit dem hilflosen Jungen. Neben einer schwarzen Limousine mit vier Türen standen die Herrschaften. Die Männer waren damit beschäftigt, die Türen des Wagens zu öffnen. Der Junge, den sie festhielten, starrte hinauf zu Mona. Wieder tragen sich seine Blicke mit Monas. Abermals löste die Hilflosigkeit, die den Augen des Jungen entsprang, eine Ergriffenheit in Mona aus. Schließlich wurde der Junge, der weder Arme noch Beine besaß, auf dem Rücksitz des Wagens verstaut. Dann stiegen die Männer in die Limousine ein, parkten aus und verließen den Innenhof des Hotels. Einer inneren Eingebung folgend, für die Mona keine Erklärung parat hatte, prägte sie sich das Kennzeichen des Fahrzeugs ein. Nun ging sie wie unbeteiligt weiter, bis sie schließlich vor der Tür ihres Hotelzimmers stand. Zielsicher führte sie den Schlüssel ins Schloss, öffnete und betrat das ihr fremde Zimmer. Schnell gerieten der Junge und seine beiden erwachsenen Begleiter in Vergessenheit. Der bereits angekündigte Herr Philipps erschien im Hotel und verzückte die kurz vor ihm eingetroffene Mona Mehlhorn, die schon sehnsüchtig auf ihn zuwarten schien. Michael Philipps war ein großer schlanker Mann von fünfzig Jahren mit gekräuselten grauen Haaren. Mit seinem smarten Lächeln und den sich abzeichnenden Grübchen in den Wangen schien er Mona Mehlhorn zu verzaubern. Sie warf sich ihm um den Hals und presste seinen Körper ganz fest an den ihren. Vier Wochen hatte die Sehnsucht die Liebenden belagert. Ihr gegenseitiges Verlangen konnte sich nur in Träumen niederschlagen. Doch nun sollte in Erfüllung gehen, was das Leben an Reizen bereithielt. Die beiden wälzten sich auf dem Doppelbett, entkleideten einander und vergruben ihre nackten Körper in den frisch bezogenen Federkissen. Das Internet hatte diese beiden Menschen zusammengeführt. Beide waren verheiratet und stammten aus entgegengesetzten Landstrichen. Braunschweig war die Metropole, die ziemlich in der Mitte beider Wohnorte lag, sodass Frau und Mann etwa dieselbe Anzahl an Kilometern zurückzulegen hatten, um sich einmal im Monat hier im Frühlingshotel einem verbotenen Treffen hinzugeben. Die jeweiligen Ehen der beiden waren in Routine erstarrt. Die Leidenschaft war dem Alltagstrott gewichen. Im festen Glauben daran, sie nur außerhalb der Lebensgemeinschaft wieder erwecken zu können, hatten sich beide im neuen weltweiten Medium auf die Pirsch begeben und sich über Codenamen einander angeschlichen. Ohne Hemmungen hatten sie ihre Paradiesvorstellungen in Worte gekleidet und damit ihre sexuellen Sehnsüchte semantisch verpackt. Hier im Hotelzimmer lebten beide, was sie unter Liebe verstanden, und was ihnen ihr jeweiliger Partner zu verweigern schien. Sie liebten sich heftig und inniglich und sie unterschieden sich in keiner Weise von ihren fast erwachsenen Kindern, die um die zwanzig waren. Diese Kinder mochten meinen, dass Liebe bei ihren Eltern nicht mehr vorkam und nur der Jugend allein zugedacht war. Aber von diesem Irrtum sollten sie nicht befreit werden. Die neu erweckte Leidenschaft schwelgte im Verborgenen. 2 Ein beträchtliches Polizeiaufkommen verzeichnete der neu gestaltete Bankplatz an diesem Freitagnachmittag. Blaulichter durchzuckten das Grau des Winterhimmels. Mehrere Einsatzfahrzeuge platzierten sich vor dem Frühlingshotel. Sie eskortierten einen schwarzen Daimler mit Berliner Kennzeichen. Polizeibeamte öffneten die hintere Tür der dunklen Limousine und umrahmten einen Herrn mit Schal und Mantel, den sie so gekonnt abschirmten und sicher zum Hoteleingang begleiteten. Unterdessen wurden laute Rufe hörbar. Vom Ziegenmarkt kamen zahlreiche Demonstranten mit Transparenten daher, die in einen Choral des Protestes einstimmten und sich ihre Meinung aus dem Halse schrien. Sie grölten: "Nieder mit der Pharmazielobby!" Ähnliches war auch auf ihren Transparenten zu lesen. Die Polizeibeamten vor Ort belagerten den Eingang des Frühlingshotels. Ihr Auftrag schienklar zu sein. Die Staatsmacht sollte einen Mächtigen des Staates vor dem Volk schützen, zu dessen Wohlergehen er sein Amt angetreten hatte. Doc schien es unterschiedliche Auffassungen darüber zu geben, wie das Wohlergehen des Volkes erreicht werden könnte. Zunächst verlief die Demonstration friedlich. Die sich gegenüberstehenden Parteien belagerten einander friedlich. Dann ging ein junger Mann mit schulterlangen zotteligen Haaren direkt auf den Eingang des Hotels zu. Zwei Polizeibeamte in Uniform verwehrten ihm schließlich den Zutritt. "Holen Sie Antonio raus!", forderte der Demonstrant die Beamten auf, die sein Anliegen nicht verstehen wollten. Als er handgreiflich wurde und das Hotel gewaltsam zu betreten versuchte, hinderten ihn die Polizisten daran, drehten ihm den Arm um und führten ihn ab. In diesem Augenblick flogen Steine. Ein Funke war übergesprungen, eine Grenze überschritten worden. Die Eskalation der Gewalt nahm ihren Lauf. Der Eigendynamik, die nun einsetzte, hatte der Verstand nichts mehr entgegenzusetzen. Nur ein paar Sekunden vergingen, bis der Wahnsinn seinen Lauf nahm. Binnen kürzester Zeit verwandelte sich der Bankplatz in eine Hauptkampfzone. Ein parkendes Auto wurde angezündet. Die Polizisten forderten Verstärkung an. Mit Tatütata kamen sie aus allen Richtungen auf den Bankplatz zugeströmt. In weniger als fünf Minuten waren die Demonstranten eingekesselt. Als ihnen die Ausweglosigkeit ihrer Lage deutlich wurde, gaben sie auf. Es erfolgten ein paar Festnahmen. Der Bankplatz wurde schnell wieder menschenleer und des kehrte Ruhe ein. Die Polizeipräsenz vor dem Hotel blieb. Mindestens ein hoher Gast, den es zu schützen galt, nächtigte hier. Die Dunkelheit brach herein. Mona Mehlhorn und ihr Geliebter hatten von alledem nichts mitbekommen. Das Fenster ihres Zimmers lag zur anderen Seite des Hotels zum Innenhof. Mona zog die Übergardinen zu, während Michael die Nachttischlampe anknipste. Dann bestellten sie telefonisch beim Zimmerservice die Flasche kaltgestellten Sekt. Verliebt schaute Mona ihren Liebhaber dabei an. An ihre jeweiligen Partner, die sie gerade betrogen hatten, verschwendeten sie nicht einen einzigen Gedanken. Es wurde Abend. Mona und Michael bekleideten sich mit ihrem besten Zwirn. Sie beabsichtigten, essen zu gehen und sich anschließend in irgendeinem Braunschweiger Etablissement noch zu amüsieren. Als sie das Hotel verließen, fielen ihnen die beiden Polizeibeamten auf, die direkt vor dem Eingang postiert waren. Doch sie machten sich darüber keine weiteren Gedanken. Der Abend nahm einen für beide zufriedenstellenden Verlauf. Nachdem sie gut und teuer gespeist hatten, gingen sie in eine Weinstube am Ziegenmarkt, unweit von ihrem Hotel entfernt. Das Lokal war sehr voll. Die beiden setzten sich zu einem anderen Par an den Tisch. Beim Wein kam man ins Gespräch. Bei dem anderen Paar handelte es sich ebenfalls um kein Ehepaar. Die blonde Frau von Anfang vierzig und ihr glatzköpfiger Begleiter von Anfang sechzig schienen über ihren Beruf miteinander verbunden zu sein. Sie waren ebenfalls Gäste in Braunschweig und wohnten im Mövenpick-Hotel. Ob sie in getrennten Zimmern oder vielleicht in einem gemeinsamen wohnten, wurde Mona und Michael nicht klar. Beide waren jedoch sehr vertraut im Umgang miteinander, sprachen aber auch über ihre Familien daheim. Sie schienen einem medizinischen Beruf nachzugehen. Im Gespräch mit Mona und Michael wechselten sie das Thema und sprachen über Allgemeinheiten, die unverfänglich waren. Als Mona sich dann jedoch für den Grund ihres Aufenthaltes in Braunschweig interessierte, erzählte die Frau, dass in der Volkswagenhalle ein Kongress mit Ärzten, Pharmazeuten und hochrangigen Politikern stattfände. "Es geht um Krebsbekämpfung", steuerte der glatzköpfige Mann zu dem Gespräch bei. "Das ist jetzt aber sehr weitläufig ausgedrückt", lächelte Michael Philipp und hob sein Weinglas. "Ärzte und Pharmazeuten stellen den Politikern Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten vor. Es geht darum, dass die Politik eine weitere finanzielle Bezuschussung für den Ausbau der Forschungen beschließt", versuchte die blonde Dame die Angelegenheit zu erklären. "Also geht es nicht um Krebsbekämpfung, sondern um Geld", stellte Mona den Sachverhalt klar. "Vordergründig schon. Aber mit dem Geld bekämpfen wir den Krebs und helfen damit den Betroffenen", ergänzte der glatzköpfige Herr lächelnd und erhob ebenfalls sein Weinglas. "Und was machen Sie in Braunschweig?", fragte die blonde Frau Mona und Michael. "Urlaub. Wir wollen einfach mal drei Tage ausspannen", lächelte Mona. Michael sah sie schweigend von der Seite an. Um zu verhindern, dass die Herrschaften am Tisch weitere Fragen stellten, kam Michael Philipp ihnen zuvor, indem er sic erkundigte, ob es sich bei den beiden um Ärzte handelte. "Ich bin Pharmazeut, meine Begleiterin Medizinerin", stellte der Herr nun klar. Dann plauderten sie noch eine Weile über Belangloses, bis sie die Müdigkeit in ihre jeweiligen Hotels zwang. Am Eingang des Frühlingshotels sprach Michael Philipp einen der beiden uniformierten Polizeibeamten auf den grund an, weshalb sie dort Wache schoben. "Hier in Braunschweig findet ein Kongress statt. Hoher Besuch. Hier im Hotel wohnt ein Bundesminister. Polizeikräfte aus dem ganzen Land werden zusammengezogen, weil morgen eine Riesendemonstration stattfinden soll. Heute haben wir schon einen Vorgeschmack hier vor dem Hotel bekommen." "Ich denke, es geht um Krebsbekämpfung auf diesem Kongress. Wieso findet dann eine Demonstration statt? Krebsbekämpfung ist doch etwas Gutes", wunderte sich Michael Philipp. "Die meisten suchen doch nur Gründe, um Terror zu machen. Es gibt eben viel zu viele Chaoten. Und unser lieber Rechtsstaat geht viel zu liebevoll mit ihnen um. Wir Polizisten müssen uns den Schädel einschlagen lassen. Was so ein Polizeieinsatz den Steuerzahler kostet, davon mal ganz zu schweigen", winkte der Polizeibeamte mit der Hand ab. "Ja, das ist leider so. dann eine angenehme und vor allem ruhige Nachtschicht. Und passen Sie schön auf! Wir möchten auch unseren Frieden", sagte Philipp. Dann ging das Liebespaar ins Hotel. Doch die Nacht verlief alles andere als ruhig. Mona und Michael wurden mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Irgendeinem Chaoten war es offensichtlich gelungen, in den Innenhof der Hotelanlage zu gelangen. Dort begann der Mann laut zu rufen. "Mörder! Wo ist Antonio? Ihr habt ihn umgebracht." Mona saß senkrecht auf ihrem Bett. Die schrille Stimme ging ihr durch Mark und Bein. Sie stand aus ihrem Bett auf, ging ans Fenster, zog die Übergardine beiseite und blicke hinunter. Mona sah, wie ein Mann von zwei Polizeibeamten überwältigt wurde. Er schrie und kämpfte. Vergebens. Aber immer wiederfiel der Name Antonio. Wer um alles in der Welt war Antonio? Plötzlich hatte Mona Mehlhorn eine Bild vor Augen. Sie wusste nicht, warum sich dieses Bild genau jetzt in ihr Gedächtnis schob. In ihrem Geiste erblickte sie die großen dunklen Augen jenes Jungen, der weder Arme noch Beine besaß und von zwei Männern aus dem Hotel herausgetragen worden war. Mona meinte Angst aus dem Blick des Jungen herausgelesen zu haben. Vielleicht verwischten sich aber auch ihre Gedanken mit irgendetwas. Ohne zu zögern sagte sie sich das Autokennzeichen jenes Fahrzeugs auf, in das der Junge hineingelegt worden war. "Was redest du da?", fragte Michael vom Bett aus. "Nichts." "Und was siehst du?" "Eine mondlose Nacht", gab Mona zur Antwort, zog die Gardine wieder zu und kehrte in ihr Bett zurück. 3 Sonnenstrahlen verirrten sich in wenige abgelegene Winkel der Straßen und Plätze rund ums Frühlingshotel. Die Sonne stand zu tief, um über die mehrstöckigen Häuser hinwegzuleuchten. Mona Mehlhorn fühlte sich nicht wohl an diesem Sonnabendmorgen. So ging Michael Philipp allein hinunter in den Frühstücksraum. Unmittelbar neben dem Frühstücksbüffet stand ein Polizeibeamter. Das musste irgendeine Bewandtnis haben. Philipp schaute sich um. Da stand ein Mann am Büffet und legte Käsescheiben auf einen Teller, auf dem bereits ein Brötchen lag. Dieser Mann war kein Unbekannter für Michael Philipp. Er kannte ihn aus dem Fernsehen. Es handelte sich um einen Politiker. Irgendein Bundespolitiker. Sein Name fiel Philipp nicht ein. Auch seine Parteizugehörigkeit war ihm nicht präsent. Dieser Mann war also der Grund dafür, dass das Frühstücksbüffet polizeilich überwacht wurde. Was aber wäre, wenn irgendeine der Köstlichkeiten vergiftet wäre? Das kontrollierte niemand. Doch Philipp verwarf den Gedanken schnell. Er fragte den Polizeibeamten, der neben dem Büffet stand , ob er ihm verraten könne, was in der letzten Nacht im Innenhof des Hotels vorgefallen sei. "Ich war letzte Nacht noch nicht hier. Ich bin nicht von hier. Für den heutigen Tag sind Beamte aus dem gesamten Bundesland zusammengezogen worden. Aber ich habe gehört, ein geistig Verwirrter ist festgenommen worden. Michael Philipp bedankte sich für die Auskunft des Beamten, ohne auch nur im Entferntestens zu ahnen, wer der Mann war, mit dem er gerade eben gesprochen hatte. Völlig arglos füllte er zwei Teller mit Brot, Wurst, Käse und Marmelade und ging damit auf sein Zimmer. Den Kaffee bestellte Michael beim Zimmerservice und ließ ihn hinaufbringen. Dann nahmen Mona und er ihr gemeinsames Frühstück im Bett ein. Mona fühlte sich schon bald wieder besser. "Was hast du deinem Mann diesmal erzählt?", wollte Michael plötzlich wissen. "Er ist an diesem Wochenende sowieso nicht zu Hause. Thomas ist mal wieder beruflich unterwegs. Wenn du mit einem Bullen verheiratet bist, brauchst du mindestens einen Liebhaber." Verliebt lächelte Michael die Frau neben ihm im Bett an. Er genoss die Rolle des Liebhabers. Sie ließen sich das Frühstück munden. 4 Michael Philipp half seiner Geliebten Mona Mehlhorn in ihren Pelzmantel. Es war ein bitterkalter Samstagvormittag. Die beiden planten einen ausgedehnten Spaziergang durchs Städtchen. Unbeschwert gingen sie über den Flur zum Fahrstuhl. Als sich seine Türen öffneten, betraten sie den Aufzug nach unten. Noch bevor sich die Türhälften schlossen, sahen beide zwei uniformierte Polizisten die nicht in den Lift hineinblickten, an ihnen vorübergehen. Während Michael von diesem Szenario völlig unberührt blieb, erschrak Mona fast zu Tode und verbarg das Entsetzten in ihrem Gesicht hinter der rasch vorgehaltenen Hand. Ihr Begleiter, der die Veränderung seiner Begleiterin nicht verborgen blieb, zeigte sich besorgt. Als der Fahrstuhl seine Türen schloss, schaute er sie fragend an, während das Entsetzen noch immer Monas Gesicht den Ausdruck von Panik verlieh. "Was hast du denn?", fragte Michael Philipp voller Sorge. "Mein Mann! Einer der beiden Polizisten von eben ist mein Mann." "Um Gottes willen! Welcher?" "Der Rechte." "Der Rechte? Mit dem habe ich mich im Hotel unterhalten. Man hat Polizeibeamte aus ganz Niedersachsen zusammengezogen. Die erwarten wohl eine große Demo hier." "Großer Gott, was machen wir denn nun?" Der Fahrstuhl hatte das Erdgeschoss erreicht. Mona und Michael gingen zur Rezeption und hinterlegten dort ihren Zimmerschlüssel. Möglichst unauffällig und ohne sich umzublicken verließen sie das Hotel. Da formierten sich auf dem Bankplatz unmittelbar gegenüber vom Frühlingshotel erneut die Demonstranten. Polizisten versuchten sie in Schach zu halten, gaben sich aber defensiv, um keine Gewalt zu provozieren. Ein Transparent, gehalten von zwei jungen Männern, flatterte im eiskalten Wind und wurde von der tief stehenden kaum Wärme spendenden Sonne beschienen. "Nieder mit der Pharmazielobby! Tod Antonios Mördern! Freiheit für die ausgebeuteten und unterdrückten Kinder!" Diese Sprüche waren zu lesen. Während sowohl Mona wie auch Michael dafür nicht mehr empfänglich waren und keine Begeisterung für die Demonstranten in ihnen aufkeimte, beeindruckte Mona nur der Name Antonio. Schon wieder begegnete sie diesem Namen. Ohne zu wissen warum sprach sie einen der Demonstranten, der das Transparent mit hochhielt, an und fragte ihn, wer um alles in der Welt besagter Antonio sei. "Ein kleiner Junge aus Brasilien. Sie haben ihn entführt. Wahrscheinlich auch umgebracht", lautete die prompte Antwort. "Wer hat den Jungen entführt?", hakte Mona nach. "Die Bonzen von der Pharmalobby." "Machen Sie es sich damit nicht etwas zu einfach mit Ihrer Antwort?", gab Mona zu bedenken. "Nein. Der Junge ist verschwunden. Er wurde entführt und in das Hotel dort gebracht", sagte der Demonstrant. "Wie entführt? Haben Sie das angezeigt?", wunderte sich Mona. "Der Junge war illegal in Deutschland. Er besaß keine Papiere. Für die Behörden ist er nur ein Phantom." "Weshalb sollten Bonzen der Pharmalobby einen sich illegal in Deutschland aufhaltenden Jungen aus Brasilien entführen und sogar umbringen? Das klingt doch eher wie eine Räuberpistole", sagte Mona mit einem Anflug von Empörung. "Die wollen von der Politik grünes Licht für ihre Forschung. Am ende steht ein Gewinn bringendes Medikament. Ob es wirklich hilft, sei dahingestellt. Aber sie betreiben ihre Forschungen an Menschen in sogenannten Dritte-Welt-Ländern. Sie bekämpfen Krebs mit Thalidomid. Das ist die selbe Scheiße, die im allseits bekannten Medikament Contergan drinsteckt. In Brasilien werden Kinder ohne Arme und Beine geboren wie vor einem halben Jahrhundert in Deutschland. Das streiten die Arschlöcher natürlich ab. Mit Antonio hätten wir beweisen können, dass sie Forschung an Menschen betreiben. Somit hätte die Bundesregierung aus humanitären Gründen keine weiteren Gelder zu Forschung bewilligen dürfen. Das hätte das Ende der menschenverachtenden Forschung bedeutet. Vielleicht aber auch das Ende des Pharmakonzern. Wir frieren uns hier den Arsch ab und lassen uns von den Bullen die Fresse einschlagen, weil wir uns nicht einschüchtern lassen. Das Recht ist auf unserer Seite. Das macht uns Mut." "Handelt es sich bei Antonio um einen Jungen ohne Arme und Beine?", fragte Mona. Der Demonstrant nickte mit heftigen Kopfbewegungen. Mona sah betreten zur Seite. Dann entgegnete sie: "Diesen Jungen habe ich gestern gesehen, wie er von zwei Männern aus dem Hotel dort getragen wurde." Jetzt nötigte sie ihr Begleiter weiterzugehen. Doch Mona ließ sich nicht treiben. Entgeistert blickte der Demonstrant sie an. Michael versuchte sie vorwärtszuschupsen. Doch zu spät. Mona vernahm hinter sich die Stimme eines Mannes, die sie sehr gut kannte. Zusammenzuckend drehte sie sich um und starrte ihrem Ehemann in die Augen. "Mona! Was machst du hier?", rief er erschrocken aus. Michael Philipps, der direkt neben Mona stand, hätte jetzt einfach nur im Boden versinken mögen, wie der Müll, der auf dem Bankplatz in unterirdische Container geworfen wurde. "Ich bin auch beruflich unterwegs", log Mona und stammelte weiter, "die Zeitung, für die ich arbeite, das 'Osnabrücker Abendblatt' hat mich geschickt. Ich soll über diese Demonstration hier berichten. Der Herr neben mir ist ein Kollege aus Lüneburg. Er arbeitet für den 'Lüneburger Nachtkurier'." Sie zeigte auf ihren Begleiter und stellte ihn ihrem Mann mit seinem korrekten Namen vor. Während Mona tatsächlich als freie Journalistin für das "Osnabrücker Abendblatt" tätig war, war der "Lüneburger Nachtkurier" ihrer Fantasie entsprungen. Michael Philipp verstand von Journalismus so viel wie eine Kuh vom Bibellesen. Was hatte Mona ihm da angetan? Was sollte dem "armen" Liebhaber noch zugemutet werden? Die Männer, die sich die selbe Frau teilten, was nur einer von ihnen zu wissen schien, reichten einander höflich die Hände. Dann sagte der Polizeibeamte Mehlhorn, zu den Demonstranten, die das Transparent hochhielten: "Bitte rollen Sie das ein! Ihre Parolen sind beleidigend und verleumderisch. Außerdem ist hier keine Demonstration genehmigt worden. Nur heute Mittag auf dem Europaplatz. Nicht jetzt und nicht hier." "Ist dir eigentlich klar, für wen du da arbeitest? Du kriegst Geld dafür, dass du Verbrecher beschützt, Bulle!", sagt der Demonstrant, der Mona zuvor aufgeklärt hatte. "Antonio und dessen mutmaßliche Entführung gibt es nur in Ihrer Fantasie. Wenn Sie meiner Aufforderung nicht nachkommen, helfen wir nach. Widerstand gegen die Staatsgewalt ist strafbar", klärte Mehlhorn den Sachverhalt und schnippt mit dem Finger. Genau das war es, was Mona an ihrem Mann so hasste. Viel zu oft hatte er einfach mit dem Finger geschnippt und sie war gesprungen. Hier machte er es in seiner obermachohaften Art genauso und seine Kollegen sprangen. Innerhalb weniger Sekunden lagen die beiden Männer auf dem Boden. Ihr Transparent wurde von Polizeibeamten zusammengerollt und sichergestellt. Ja ihr Mann beherrschte wieder einmal die Szene. Es gab nur Schwarz und Weiß. Nichts dazwischen. Er stand auf der richtigen Seite, die anderen auf der falschen. So einfach war das! Siegessicher lächelte Mehldorn seine Frau an und sagte: "Eigentlich hätten wir ja auch gemeinsam nach Braunschweig fahren können. Aber du hältst es ja nicht für nötig, irgendetwas mit mir abzusprechen." Die Demonstranten wurden abgeführt. Ihre Demonstration war wieder einmal gewaltsam aufgelöst worden. "Die Demonstranten hatten recht. Es gibt Antonio. Ich selbst habe den Jungen gesehen. Ich habe mir sogar die Autonummer gemerkt von dem Fahrzeug, mit dem sie ihn weggebracht haben. Stell doch mal den Halter fest, mein lieber Mann!" Mehlhorn wandte sich ab und tippt eine Nummer in sein Handy. Dann machte er tatsächlich eine Halterabfrage. Fünf Minuten später drehte er sich zu seiner Frau um und sagte: "Das Auto gehört dem Bundesministerium für Forschung und Gesundheit. Der zuständige Minister ist ja hier." "Und die beiden Typen, die den Wagen gefahren haben?", fragte Mona. "Chauffeure. Was weiß ich?" "In welchem Zimmer wohnt der Minister?" "Zimmer 208. Oberste Sicherheitsstufe. Da kommt niemand ungesehen rein oder raus." "Verschaff mir Zutritt zu diesem Minister!", bat Mona Mehlhorn inständig. "Wie stellst du dir das vor?" "Wozu hat man schließlich einen Bullen zum Mann?" "Das wäre Amtsmissbrauch. Ich darf die Presse nicht einfach bei den Politkern kraft meines Amtes einschleusen. Das kann mich meinen Job kosten." "Gut dann gehen mein Kollege und ich jetzt zur hiesigen Polizei und melden den Vorfall. Der Verdacht auf ein Kapitalverbrechen müsst die Immunität eines Politikers ja wohl aufheben", sagte Mona mit einem eisigen Lächeln. "Lass das mal. Ich versuche, was ich tun kann", beruhigte Mehlhorn seine Frau. Dann sahen sie, wie der Minister von Polizisten begleitet aus dem Frühlingshotel hinausgeführt wurde. "Jetzt findet dieser Kongress statt. Ich lasse mir unter einem Vorwand vom Hotelportier den Zimmerschlüssel aushändigen. Ich werde ihm einen erzählen, ich müsse kontrollieren, dass niemand eine Bombe im Hotelzimmer anbringt. Ihr beide kommt in einer Viertelstunde unauffällig hinterher. Die Tür wird offen sein." Der Polizeibeamte Mehlhorn ging auf das Hotel zu und verschwand darin. Mona und Michael schauten auf ihre Armbanduhren. Exakt fünfzehn Minuten danach gingen auch sie ins Hotel zurück, fuhren mit dem Fahrstuhl in die zweite Etage und gingen durch den langen Flur, an dessen ende das Zimmer 208 lag. War Antonio hier versteckt gehalten worden, nachdem man ihn entführt und verschleppt hatte? Mona und Michael standen vor der Zimmertür. Sie war angelehnt. Das war die Aufforderung zum Hineingehen. Mona Mehlhorn fühlte ihr Herz laut schlagen. In dem Bewusstsein, etwas sehr Verbotenes zu tun, betrat sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber die Hotelsuite eines hohen Politikers, der auf Schritt und Tritt von der Polizei bewacht wurde. Mona wusste imgrunde gar nicht, wonach sie suchen sollte. Ob der Junge ohne Arme und Beine, den sie gesehen hatte, als er von zwei Männern aus dem Hotel getragen wurde, überhaupt dieses Zimmer von innen gesehen hatte, war reine Spekulation. Die Journalistin vermutete es, weil es nahe lag. Jetzt blickte sie in das ängstliche Gesicht ihres Ehemannes, der ihr die verbotene Tür geöffnet hatte. Warum hatte sich der Polizist erweichen lassen? Weshalb hatte er dem Drängen seiner Frau nachgegeben? Michael Philipp war zwischen Ängsten hin- und hergerissen. Auch ihm war nicht klar, weshalb er seiner Geliebten in dieses Zimmer gefolgt war. Außerdem plagte ihn eine panische Furcht, von dem Polizisten als Liebhaber seiner Frau enttarnt zu werden. Mehlhorn war schließlich bewaffnet. Mona war von der berufsbedingten Neugier einer Journalistin erfüllt. Ihre Augen machten in dem fremden Zimmer die Runde. Sie hielten nach irgendetwas Ausschau, ohne zu wissen, was dieses Etwas sein sollte oder wie es ausschaute. Michael Philipp trieb noch eine andere Angst umher und ließ ihn im Zimmer auf- und abgehen. Wie würden sie Monas Ehemann wieder loswerden? Irgendwann müssten sie in ihr Hotelzimmer zurückkehren. Spätestens dann würde der ganze Spuk auffliegen. Mona schien daran offenbar keinen Gedanken zu verschwenden. Sie war beseelt von dem einen einzigen Gedanken. Sie witterte eine Story für das Blatt, für das sie arbeitete. Eine Story, in der eine Politikaffäre aufgedeckt würde! "Und? Irgendwas gefunden?", fragte Mehldorn, der jetzt offenbar ungeduldig wurde. "Nein. Lass uns von hier weggehen", schlug Mona vor. Die drei verließen das Zimmer 208 wieder. Der Polizist Mehlhorn verschloss die Tür. Michael Philipp ging in die Offensive. "Ich gehe in mein Hotel, das Mövenpick", log er und verabschiedete sich mit gespielter Ernsthaftigkeit vom Ehepaar Mehlhorn. Mona sah ihm irritiert nach. "Und wo wohnst du, Schatz?", wollte ihr Mann wissen. "Ich wohne hier im Hotel. Und du?" "Bei der Polizei. Luftmatratze. So was Vornehmes hier kann sich der Staat für seine Bediensteten nicht leisten." Dann verabschiedete sich Mehlhorn mit einem flüchtigen Kuss von seiner Frau. Er wollte zu der Demonstration hinübergehen. Doch seine Frau hielt ihn zurück. Sie bat inständig darum, dass er ihr die Tür zu Zimmer 208 noch einmal aufschließen möge. "Da lag was. Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Das ist es. Komm, mach bitte noch mal auf, Schatz", drängelte Mona. Kopfschüttelnd schloss Mehlhorn noch einmal die Tür auf und beide verschwanden in dem ominösen Zimmer. Plötzlich vernahmen die beiden Geräusche. Schritte wurden auf dem Flur hörbar. Mehlhorn entsicherte seine Dienstwaffe und hielt sie griffbereit. Jetzt wurde die Klinke der Zimmertür heruntergedrückt. 6 Michael Philipp spazierte ziellos durch die Straßen von Braunschweig. Sehnsüchtig wartete er auf eine Anruf von Mona. Doch sein Handy blieb stumm. Da beschloss er eigenmächtig zum Hotel am Bankplatz zurückzukehren. Als er dort ankam, überraschte ihn das Polizeiaufgebot vor dem hotel. Neugierig ging er hinein. An der Rezeption fragte er eine Hotelbedienstete, ob etwas passiert wäre. "Ein Polizist ist erschossen worden. Oben auf Zimmer 208", lautete die prompte Antwort. Tief bestürzt eilte Philipp die Treppen nach oben. Mona saß auf einem Stuhl im Flur vor der fraglichen Hotelzimmertür. Ihre Wimperntusche war in einem Meer aus Tränen zerlaufen. "Oh Gott! Was ist passiert?", schrie Philipp aufgeregt. "Wir sind noch mal zurück ins Zimmer. Plötzlich kam ein maskierter Mann herein. Er überwältigte mich, hielt mir ein Messer an die Kehle und forderte meinen Mann auf, ihm seine Waffe auszuhändigen. Mein Mann gab sie ihm. Dann wollte er auf den Kerl losgehen. Er sollte mich freilassen. Aber das Ungeheuer hat zweimal geschossen. Mein Mann ist durch zwei Kugeln aus seiner eigenen Waffe getötet worden." "Und der Maskierte?2 "Weg! Auf und davon." Philipp warf einen Blick ins Zimmer 208. Er sah den toten Polizisten am Boden liegen und viele emsig arbeitende Menschen, die den Tatort abzusichern schienen. Hauptkommissar Andreas Löwe kam aus dem Zimmer und fragte Philipp, wer er sei. "Ich bin ein Bekannter von Frau Mehlhorn." "Ihr Name?" "Michael Philipp." "Was machen Sie hier?" "Ich hörte, dass hier oben etwas passiert ist. Da war ich neugierig. Und da sehe ich Frau Mehlhorn dort sitzen." "Können Sie sich ein bisschen um sie kümmern?" "Ja. Selbstverständlich." Danach verschwand Hauptkommissar Löwe wieder in Zimmer 208. Die Veranstaltung in der VW-Halle war beendet. Der Minister kehrte in Begleitung zweier Polizeibeamter ins Hotel zurück. Irritiert und ratlos stand er schließlich vor seinem Zimmer. Die zivil gekleideten Kollegen der Mordkommission wiesen sich mit ihren Dienstausweisen aus. "Ein Mord in meiner Suite? Hat dieser Anschlag etwa mir gegolten?", sorgt sich der Minister. "Auszuschließen ist nichts", entgegnete Löwe. "Was wollte der Ermordete während meiner Abwesenheit in meinem Zimmer?", fragte Reinecke. "Er wollte seiner Ehefrau, einer Journalistin, einen kleinen Gefallen tun. Die Dame hat sich für einen Jungen ohne Arme und Beine interessiert, der in Ihrem Dienstwagen von zwei Männern aus diesem Hotel fortgefahren wurde. War der Junge hier?", fragte Löwe. "Bei diesen Männern handelt es sich um Bodyguards. Private Leibwächter. Sie waren bereits vor mir im Hotel und haben die Lage inspiziert. Es war Demonstranten gelungen, bis zu diesem Zimmer vorzustoßen. Ich bekam eine SMS, dass es Probleme gebe. Ich habe zurückgemailt, dass ich keine Probleme wünsche. Sie sollten sie beseitigen." "Um was für Probleme es sich handelt, hat Sie nicht zufällig interessiert", ironisierte Anita Zahn. "Schon mal was von Arbeitsteilung gehört, werte Frau Kommissarin?", donnerte Minister Reinecke sie an und fuhr mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd fort, "mein Job ist hart genug. Mir versuchen immer wieder Chaoten das Leben noch schwerer zu machen. Ich habe weder Zeit noch Lust mich mit diesem Pöbel näher zu beschäftigen. Deshalb leiste ich mir den Luxus zweier privater Leibwächter, die mir die Probleme vom Halse halten, die einem dieses linke Pack ewig bereitet." "Das war deutlich, Herr Minister. Zählen Sie den Ermordeten auch zu derartigem Pack? Der hätte Ihnen ebenfalls Probleme bereiten können. Haben Ihre Bodyguards dieses Problem auf ihre Weise gelöst?", merkte Löwe kritisch an. "Meine Bodyguards waren in meiner Nähe in dieser Stadthalle da." "Diese Halle heißt VW-Halle", korrigierte der Hauptkommissar den Minister. "Ich nehme an, dass Sie diese Suite hier versiegeln müssen. Weisen Sie die Hotelleitung bitte an, mir ein anderes Zimmer zu geben", sagte Minister Reinecke in sehr bestimmender Tonlage. "Mit der Annahme, dass wir das Zimmer 208 versiegeln müssen, liegen Sie richtig, Herr Minister. Es wäre wohl auch niemandem zuzumuten, in einem Hotelzimmer zu nächtigen, in dem gerade ein Mord verübt worden ist. Dass wir Ihnen einneues Zimmer besorgen sollen, muss ein Irrtum Ihrerseits sein. Wir sind nicht das für Sie abgestellte Personal, über das Sie nach Belieben verfügen können. Unsere Arbeit besteht darin, einen Mord aufzuklären. Deshalb sorgen Sie bitte dafür, dass wir umgehend mit Ihren Bodyguards sprechen können. Ich glaube, dass die uns so einiges zu erzählen haben", konterte Hauptkommissar Löwe. "Ich werde Ihnen meine Männer umgehend zu Ihrer Dienststelle schicken", sicherte der Minister zu. Diese Bodyguards waren jung, sportlich und leger gekleidet. Sie wirkten wie Türsteher einer Nobeldisko, die Farbige am zutritt hindern sollten. Überheblich wirkend aber wortkarg traten sie den Beamten der Mordkommission gegenüber auf. Die Männer hatten breite Schultern, aber nichts im Kopf, also genau jene Voraussetzungen, derer es bedurfte, um ein Lakai eines Bonzen zu sein. "Was gibts?", eröffnete der eine von ihnen das Gespräch. "Zunächst erst einmal Guten Tag die Herren", lächelte Löwe. "Hallo", sagte der andere Kaugummi kauend. "Sie haben für Herrn Minister Reinecke im Frühlingshotel ein Problem beseitigt, wie wir hören", begann Kommissarin Zahn mit der Befragung. "Chaoten hatten ein Kind vor die Suite gelegt, in der der Herr Minister nächtigen sollte. "Bei dem Kind handelte es sich um einen Jungen ohne Arme und Beine, richtig?", fragte Löwe. "Korrekt", antwortete der andere und fuhr fort, "wir haben zunächst die Chaoten aus dem Hotel geprügelt und dann haben wir das Kind fortgetragen." "Wohin?", wollte Anita Zahn wissen. "In den Dienstwagen unseres Chefs", lächelte der andere Bodyguard. "Wo sind Sie mit dem Kind hingefahren?", wollte Löwe wissen. "Auf Anweisung unseres Chefs in die Tiefgarage des Mövenpick-Hotels. Dort haben wir das Kind einer Ärztin übergeben. Alles weitere entzieht sich unserer Kenntnis", sagte der Kaugummi kauende Bodyguard. "Immerhin. Gewählt ausdrücken könne Sie sich ja. Hat die Ärztin auch einen Namen?", hakte Anita Zahn nach. "Die ist auch auf diesem Kongress. Sie ist mit Herrn Minister Reinecke gut bekannt. Die Frau heißt Doktor Meeth." "Vielen Dank die Herren. Dann wäre ja alles geklärt", lächelte der Hauptkommissar. Nur eine halbe Stunde später betraten die Kommissare Löwe und Zahn das Mövenpick-Hotel und fragten nach Frau Doktor Meeth. Ihnen wurde die Zimmernummer verraten und der Dame telefonisch der Besuch der Beamten angekündigt. Sie war nicht allein auf ihrem Zimmer. Die Medizinerin teilte es sich mit einem glatzköpfigen Herrn, der deutlich älter zu sein schien als sie. Was keiner von den vieren wissen konnte, war die Tatsache, dass sich Mona Mehlhorn und Michael Philipp zufällig mit diesem Paar in einem Weinlokal am Ziegenmarkt getroffen hatten. Die blonde Frau von Anfang vierzig war Frau Doktor Meeth, eine Medizinerin. Bei ihrem glatzköpfigen Begleiter von Anfang sechzig handelte es sich um den Pharmazeuten Doktor Allenstein. Beide gehörten der Führungsetage des Medikamentenforschungskonzerns HEALTH an. Aus der Tatsache, dass die Herrschaften miteinander liiert waren, machten sie keinen Hehl. "Die Bodyguards von Minister Reinecke haben Ihnen ein schwerbehindertes Kind in der Tiefgarage dieses Hotels ausgehändigt. Was haben Sie damit gemacht?", fragte Löwe. "Ich habe es kurz untersucht, ob es medizinischer Hilfe bedurfte. Doch das Kind war kerngesund. Behindert zwar, aber gesund. Da habe ich das hiesige Jugendamt angerufen. Die haben es abgeholt. Die Behörden müssen dafür sorgen, dass es wieder nah Hause geschickt wird", gab die Medizinerin zur Antwort. "Überprüf das bitte sofort, Anita!, wies Löwe seine Kollegin an, die daraufhin das Hotelzimmer verließ. "Weshalb haben die Demonstranten das Kind vor die Hotelzimmertür des Herrn Minister gelegt?", fragte Löwe. Der Pharmazeut antwortete: "Wissen Sie, Demonstranten ist zuweilen jedes Mittel recht. Der Zweck heiligt die Mittel. Es sind Linke, die wieder einmal den bösen Kapitalismus entlarvt haben. Unsere Firma macht ohne Skrupel Versuche mit Menschen und lässt zu, dass solche behinderte Kinder zur Welt kommen. Wir würden uns dumm und dämlich verdienen mit Steuergeldern und ohne jedes Gewissen medizinische Versuche an Menschen vornehmen. Die übliche Verschwörungstheorie der Linken ist schnell zusammengezimmert. Ich kenne den kleinen Antonio aus Brasilien. Er tut mir leid. Noch mehr leid tut es mir, wenn ich sehe, dass diese Linken ihn hier nach Deutschland holen und ihn zum Objekt machen, mit dem sie gegen die angeblich menschenverachtende Politik des Bundesministeriums demonstrieren wollen." "Was genau hat denn der kleine Antonio mit Ihren Forschungen zu tun?" "Nun, Herr Kommissar, das ist so: Natürlich haben wir in Brasilien Probenden. Wir können nicht nur an Tieren forschen. Das geht nicht wir bezahlen die Menschen auch, an denen wir die Wirkung unserer Medikamente ausprobieren. Gemessen an unseren finanziellen Vorstellungen handelt es sich dabei um Spottpreise. Ähnliche Motive haben auch Auto- oder Handyhersteller, die ins Ausland überwechseln. Das ist nicht unbedingt christlich, aber es ist so. Die Menschen in Brasilien bekommen unsere Medikamente erst dann zur Einnahme verabreicht, wenn gewährleistet ist, dass sie auch verträglich sind. Wir setzen bei der Krebsbekämpfung in unseren Medikamenten das umstrittene Thalidomid ein. Dabei erzielen wir sensationelle Erfolge bei der Wachstumsverhinderung von Krebszellen. Wir haben Probanden schon vor dem sicheren Tod bewahrt. Nur Schwangere dürfen das Medikament nicht einnehmen. Es kommt dann zum bekannten Conterganproblem." "Und warum nehmen gesunde Frauen das Medikament ein, wenn sie schwanger sind?" "Die meisten Frauen dort sind Analphabeten. Wir haben die Verpackung der Medikamente mit Piktogrammen versehen, auf denen eine schwangere Frau abgebildet ist. Auf der Zeichnung sieht man den Embryo in ihrem Bauch. Der ist mit einem große X durchgestrichen. Soll heißen: Nicht einnehmen bei Schwangerschaft. Doch viele Frauen haben das Piktogramm falsch gedeutet. So haben sie gedacht, es handele sich um ein Verhütungsmittel. Wenn du das schluckst, kriegst du kein Kind in deinen Bauch. Auf diese Weise ist der kleine Antonio zur Welt gekommen. Aber dafür kann man uns nicht verantwortlich machen. Sollten Sie einmal an Krebs erkranken, was ich Ihnen nicht wünsche, und unser Medikament könnte verhindern, dass Sie sterben müssen, dann würden Sie dem Herrgott danken, dass es uns gibt." "Wahrscheinlich. Aber davon bekommt Antonio weder Arme noch Beine." Die Hotelzimmertür wurde geöffnet. Anita Zahn kam herein und nickte zustimmend. "Frau Doktor Meeth hat die Wahrheit gesagt. Das Jugendamt hat den Jungen in einem Heim untergebracht und die Ausländerbehörde eingeschaltet, die die Abschiebung des Jungen vorbereitet. Andreas Löwe und Anita Zahn saßen sich ratlos in ihrem gemeinsamen Büro gegenüber. "Weshalb wollte die Frau noch einmal in das Hotelzimmer des Ministers zurück?", fragte Anita Zahn. "Sie hatte irgendwas entdeckt, hat sie ausgesagt", antwortete Andreas Löwe. "Aber was? Was hat sie entdeckt?" "Hast du das nicht protokolliert?" "Nein, Andreas. Ich glaube, sie hat s auch nicht gesagt." "Aus Angst?" "Wir sollten noch einmal ins Hotel fahren und sie dazu befragen." Das Kommissarenduo stand vor der Zimmertür von Mona Mehlhorn. Der Abend war längst hereingebrochen und hatte die Zeit des Kunstlichtes eingeläutet. Die Polizistenwitwe öffnete mit einem Bademantel bekleidet die Tür. Sie machte keinerlei Anstalten, Löwe und Zahn hereinzulassen. Erst als diese darauf bestanden, wich sie zur Seite und ließ die beiden eintreten. Löwe und Zahn gaben sich überrascht, als sie auch Michael Philipp in diesem Zimmer sitzen sahen. "Ich kümmere mich ein wenig um Frau Mehlhorn. Es ist nicht gut, wenn sie jetzt allein ist." "Wie gut kennen Sie eigentlich Frau Mehlhorn?", zeigte sich Löwe interessiert. "Wir sind alte Freunde. Manchmal treffen wir uns hier", versuchte Mona abzuwiegeln. "Frau Mehlhorn, Sie sind mit Ihrem Mann noch einmal in das Zimmer 208 zurückgegangen, weil Sie irgendwas gesehen haben. Was genau haben Sie gesehen?", fragte Anita Zahn. "Auf dem Tisch lag ein Brief. Geöffnet. Auf Portugiesisch." "Hat der Maskierte, der Sie überwältigt hat, diesen Brief an sich genommen?", bohrte Anita Zahn weiter nach. "Das weiß ich nicht. Es ging alles so schnell. Ich weiß nur, dass ich große Angst hatte." "Verständlich. Schönen Abend noch", wünschte Andreas Löwe. Die beiden verließen das Hotelzimmer und gingen eine Treppe nach oben. Löwe entfernte den Kuckuck von der Tür von Zimmer 208 und sie gingen hinein. Vergeblich suchten sie nach einem portugiesisch abgefassten Brief. "Siehst du hier irgendetwas?", fragte Anita. "Nein. Der Mörder muss ihn mitgenommen haben. Bloß was soll in diesem Brief gestanden haben, dass deswegen ein Mensch erschossen wird?", wunderte sich Löwe. "Schau mal, Andreas! Frau Mehlhorn wittert eine Story für ihre Zeitung. Sie glaubt, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Es ist aber alles in Ordnung. Das kann sie nicht wissen. Es gibt überhaupt kein Motiv für diesen Überfall." "Sie hatten das Zimmer schonverlassen, weil sie nichts gefunden haben. Es war auch nichts da. Frau Mehlhorn hat ihren Mann aus einem anderen Grund in dieses Zimmer zurückgelockt." "Um ihn zu töten. Sie ist sich darüber klar geworden, dass es eine einmalige Chance ist, die nie wiederkehren wird. Wir wären einer falschen Spur gefolgt und sie wäre unbehelligt geblieben. Sie lockt ihren Mann in dieses Zimmer, um ihn mit seiner eigenen Waffe zu erschießen. Eiskalt. Aber wo ist das Motiv?", rätselte Anita Zahn. "Das Motiv sitzt unten im Hotelzimmer bei Frau Mehlhorn", sagte Löwe trocken. "Und wenn es den Maskierten doch gegeben hat? Vielleicht war es ihr Lover, der sich vermummt hat, den Überfall inszenierte und sich den Weg zu dieser Frau freischoss!", überlegte Anita laut. "Alles Vermutungen. Doch wie sollen wir das beweisen?" Da drückte jemand die Klinke der Tür herunter und öffnete sie. Ein ziemlich alter Mann betrat das Hotelzimmer. "Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?", fragte Löwe überrascht. Da hielt der Mann inne, schaute sich kurz um, fasste sich mit der Hand an den Kopf und lachte: "Tut mir leid. Schon wieder in der Tür geirrt. Genau wie gestern, als der Polizeibeamte und die junge Frau hier im Zimmer waren. Komisch war nur, dass die Frau die Waffe in der Hand hielt und nicht der Polizist Nix für ungut. Ich habe mich entschuldigt und das tue ich hiermit auch. Schönen Tag noch." Der Mann ging wieder hinaus. Löwe folgte ihm, zeigte seinen Dienstausweis vor und fragte den Mann nach seinem Namen und seiner Adresse. Dann ging er zu Anita Zahn ins Zimmer 208 zurück. "Als der Mann die Klinke der Tür heruntergedrückt hat, kommt Frau Mehlhorn die Idee, ihren Mann zu erschießen. Sie nimmt seine Waffe an sich. Nichtsahnend lässt der Mann das zu. Als der alte Mann wieder draußen ist, erschießt sie ihn. Doch wie sollen wir das beweisen?", rätselte Löwe. "Ich habe eine Idee. Lass uns zum Jugendamt fahren", schlug Anita vor. Noch am selben Abend ging die Sache weiter. Anita Zahn klopfte an der Zimmertür von Mona Mehlhorns Hotelzimmer. Völlig entnervt bat sie die Kommissarin herein und fragte gelangweilt, was sie denn nun schon wieder wünschte. Anita ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. "Es gibt einen Zeugen für den Mord. Er hat den Schuss gehört und gesehen, wie Sie das Zimmer 208 verlassen haben. Sie müssen ihn übersehen haben. Einen maskierten Mann hat er zuvor nicht in das fragliche Zimmer gehen sehen. Nur einen alten Mann, der sich in der Tür geirrt hatte." "Was für ein Zeuge soll das sein?", fragte Mona Mehlhorn, die aus ihrer scheinbaren Ruhe erwachte. Anita Zahn ging zurück, öffnete die Tür und schnippte mit dem Finger. Da schob Andreas Löwe wortlos einen Rollstuhl in das Zimmer. Darin saß Antonio aus Brasilien – der braun gebrannte Junge ohne Arme und Beine. Mit seinen großen Augen sah er Mona Mehlhorn an. Die Mörderin sah den Jungen eindringlich an. Eine halbe Minute verging. Mona seufzte und holte tief Luft. Dann sagte sie: "Tut mir leid, Junge, dass du das mitansehen musstest. Du hast wahrlich schon genug Elend gesehen." "Warum haben Sie Ihren Mann getötet?", wollte Anita Zahn nun wissen. "Männer mit Uniform und Dienstwaffe", sagte Mona gedankenverloren vor sich hin und fuhr fort, "es war nur ein Moment. En ganz kurzer Moment. Da war die Versuchung und ich habe ihr nicht widerstehen können. Endlich konnte ich ihm heimzahlen, was er mir und unseren Kindern alles angetan hat." Dann presste sie ihre Handflächen zusammen und reichte sie der Kommissarin. Die legte Mona Mehlhorn Handschellen an und nahm sie vorläufig wegen dringenden Tatverdachts fest. "Was wird aus dem Jungen?", fragte Mona im Hinausgehen. "Ich werde versuchen, mich für ihn einzusetzen. Immerhinhaben wir mit seiner Hilfe einen Mord aufgeklärt", antwortete Löwe. "Warum war der Junge noch einmal im Hotel?", erkundigte sich Mona jetzt. "Aber das war er ja gar nicht. Wer von uns hat denn gesagt, dass der Junge der Zeuge ist?", lächelte Andreas Löwe. Mona Mehlhorn warf sich schreiend auf die Knie. "Lassen Sie den Zirkus! Das hilft jetzt auch nicht mehr", sagte Anita Zahn. |